Thomas Tippner
Der Unsterbliche

Schwer saß ich im Sattel meines Pferdes und streckte die Hand aus und wies auf den flimmernden, wie Wasser wirkenden Horizont, an dem sich die leichten Erhebungen der Sanddünen zeigten. Die leicht verschwammen, als die erbarmungslos vom Himmel brennende Sonne das Atmen zur Qual machte und meinen Körper erhitze, unter der schweren, eisernen Rüstung.
Nur gut, dachte ich, dass mir dieses Wetter nichts anhat.
Mir nicht!
Aber denen, die hinter, neben und vor mir ritten, schon. Sie quälten sich durch den Sand, der sich von den Hufen der Pferde aufwirbeln ließ und sich auf die trockenen Lippen legte. Jede freie Fuge in der Rüstung ausfüllte und einem in den Augen stach, wenn man versuchte zu blinzeln.
Ich schnaufte hörbar, als ich meine Hand an das Visier meines Helmes legte, die blendende Sonne abschirmte, und mit leiser, murmelnder Stimme sagte: „Es war keine gute Idee, hier her zu kommen, Hoheit. Auf diesen Moment hat Ab Du Re nur gewartet.“
„Unsere Armeen sind stark“, hielt mir mein König entgegen, der schwach und ermüdet im Sattel saß, sich mit einer schwer wirkenden Bewegung zu mir drehte und mich aus glänzenden, blauen Augen musterte: „Sie werden Ab Du Re in den Hintern treten.“
Ein mildes Lächeln legte sich auf meine Lippen, als ich das von Falten dominierte Gesicht schaute. Den Bart betrachtete, der meinem König um die Lippen wuchs, sich seine Wangenknochen hinauf schob und sich mit den roten Haaren seines Schopfes verband. Ich sah die einzelnen Sandkörner, die wie kleine Punkte in dem dichten, gekräuselten Bart saßen und die knirschten, wenn mein König die Zähne fest aufeinander presste.
Seine Hände zitterten leicht, als sie den Zügel fester umfassten. Der heiße Wind, der uns entgegen wehte, brachte keine Linderung. Ich hörte in der Entfernung das Rauschen der wirbelnden Böen und das leise Stöhnen der Männer, klang in meinen Ohren wie ein Hilferuf. Ich nickte leicht, als ich über das gehörte nachdachte. Leicht schüttelte ich den Kopf: „Nein, mein König, wir werden diesen Kampf verlieren.“
„Du wagst es, gegen mich zu sprechen, Marco?“
„Natürlich“, ich klappte das Visier des Helmes herab: „Denn Ihr wisst selber, wie töricht es war.“
„Ach, hör doch auf“, mit einer fahrig wirkenden Bewegung wischte mein König mit der Hand durch die Luft. Das Knirschen des Sattels hallte mir entgegen und als ich leicht Luft holte und glaubte, glühenden Sand zu atmen, sagte ich: „Es tut mir leid. Aber Ihr wisst, wie ich zu Eurem Jähzorn stehe.“
„Leider“, knurrte er und griff nach der Satteltasche, in der sich der lederne, zum Ende hin verdünnende Schlauch befand, in dem warmes, brackig schmeckendes Wasser schwamm.
Ich schmunzelte: „Trotzdem werde ich immer an Eurer Seite sein.“
Mein König wand den Kopf. Zog die Augenbrauen zur Nasenwurzel und schürte den Mund zu einem spitzbübischen, jungenhaften Lächeln, dass mich an die Zeit erinnerte, an der ich ihn begleitete, bei seinen schweren Erfahrungen, die er mit seinem Vater durchleben musste.
„Leider“, sagte er erneut und öffnete die Schnalle, die den Schlauch an das Leder seines Sattels band und biss mit einer ungelenk wirkenden Bewegung den Korken aus dem Hals des Schlauches.
„Ich werde auch noch da sein, wenn Eure Kindeskinder in dummerhaftige Kriege ziehen.“
„Dummschwätzer“, zischte mein König und nahm einen langen, durstigen Schluck, in dem er den Kopf in den Nacken legte und genießerisch ausatmete, als er den Schlauch von den Lippen nahm, von denen kleine Wasserperlen hinab liefen und im Bart versanken: „Schon immer hast du es verstanden, Marco, mich zu erheitern oder zu erzürnen. In diesem Augenblick weiß ich nicht, was ich denken soll.“
„Dann lasst es“, meinte ich mit einem gleichgültig wirkenden Zucken der Schultern. Ich presste die Oberschenkel fester um den Körper des Pferdes, das leise protestierte und seinen wuchtigen Kopf in den Nacken warf und laut schnaufte. Es tippelte kurz auf der Stelle, bevor es weiter ging und schüttelte den Schweif, der an seinem Hinterteil hing und leicht hin und her pendelte.
„Du bist frech.“
„Ich lebe einfach schon zu lange“, meinte ich mit einem hintergründigen Lächeln und spielte auf die Unsicherheit an, die meinen König gelegentlich befiel, wenn er mich anschaute. Mich betrachtete mit seinen blauen, von fleischig Augenwülsten umgebenen Augen und sich nervös mit der Zunge über die Lippen leckte.
Er wusste um mich. Das es mich anscheinend schon lange gab und das ich damals, als er noch ein Knabe war, seinen Vater kannte und diesem lange gedient hatte. Leise kicherte ich, und als er seine Blicke von mir nahm, die Hand hob, und sich in dem Sattel drehte, lauschte ich dem Klirren seines Kettenhemdes.
Hinter uns befand sich seine Streitmacht. Allesamt tapfere Männer, die einen Sturm hinter sich gebracht hatten, der ihnen viele Entbehrungen abgerufen hatte. Der sie an ihre Grenzen führte und die Hoffnung in ihnen keimen ließ, nicht mehr kämpfen zu müssen.
Sie hatten sich geirrt!
So wie ich.
Wäre ich doch nur zwei Tage vorher zurück nach Akkon gekommen, um meinem König zur Seite zu stehen. Ich verfluchte mein Schicksal und schauet missmutig zu dem breitschultrigen Mann, der mich unverhohlen musterte und sein Lächeln langsam erkalten ließ.
So wie ich, verabscheute er die Hitze, durch die wir ritten und er verstand nicht, dass ich mich gegen eine Schlacht ausgesprochen hatte, die er herbei rief, nachdem ein Gesandter des Königs Ab Du Re gekommen war und verlangte, dass die Grenzritter aufhören sollten, Karawanen zu überfallen, oder hinter den Grenzen liegende Dörfer zu plündern.
Ich wusste nur aus Erzählungen, dass mein König von seinem Thorn aufgesprungen war, die Faust ballte und mit bellender Stimme schrie: „Dann soll der ungläubige Hund seinen verdorbenen Mannen sagen, dass sie keinen Fuß mehr in meine Lande setzten und das seine Spione sofort an seinen Hof zurückkehren.“
„Hunde? Spione?“
Das dunkelhäutige Gesicht des Gesandten hatte sich verzogen. Die wallenden, langen Kleider, die er trug, die mit kleinen, goldenen Fäden bestickt waren, die helle von dunklen Stoffen trennten, schwankten leicht hin und her. Die knöchern wirkende Hand des Mannes war vorgeschnellt und die Worte, die er wählte, hatten den Jähzorn meines Herren weiter entflammt: „Die Beleidigung nehmt Ihr zurück, König Balduin, oder mein Herr wird Eure kleine Stadt dem Erdboden gleich machen.“
„Soll er nur kommen, mit seinen Schakalen und Mordhunden, ich werde ihm seine Augen aus dem Kopf lutschen und ihm seine Eingeweide um die Ohren hängen.“
Kurz sollte es in den dunklen Augen des schmalgesichtigen Mannes aufgeblitzt haben, bevor er sich umdrehte, mit hallenden Schritten durch den Saal lief und sich nicht beirren ließ, von dem gackernden Lachen der treuen Männer, die meinem König zur Seite standen.
Zwei Tage!
Eine Kleinigkeit, wenn man bedachte, dass sie für mich keinerlei Bedeutung hatten.
Zwei Tage, die über das Schicksal vieler Leben entschied!
Leichte seufzte ich und ich spürte die Blicke meines Königs auf mir. Als ich den Kopf drehte, zu ihm schaute und leicht nickte, fing er an zusprechen: „Ich weiß, was du von dem Krieg hältst, Marco und ich weiß auch, dass es dir nicht passt, dass wir in diesen ziehen. Aber lass mich mein Verhalten erklären.“
„Was gibt es da zu reden?“ Fragte ich beiläufig und ließ die Zügel auf den Knauf meines Sattels fallen.
„Ich möchte mich erklären.“
„Ihr seit der König. Niemanden seit Ihr eine Rechenschaft schuldig.“
„Dir schon, Marco.“
Unter meinem Helm zog ich die Augenbrauen hoch. Ich spürte, wie das Pferd über eine leichte Unebenheit des Sandes schritt und ich fühlte, als ich kurz zum Himmel schaute, wie mein Körper sich weiter erhitzte. Das er kurz davor stand, protestierend zusammenzubrechen und einfach aus dem Sattel zu fallen. Ich konzentrierte mich, schaute zu meinem König und sah, wie dieser leicht nickte. Seine Lippen hatte er fest aufeinander gepresst und als ich ihm zunickte, kräuselte sich erneut ein Lächeln in seinen Mundwinkeln.
„Ich mochte Ab Du Re noch nie“, fing er an: „und als sein arroganter Berater el Dufin, da war, konnte ich nicht an mir halten. Und das wissen, dass sich Ab Du Re in einem Konflikt mit seinem Glaubensbruder Dafür befindet, ersann ich die Möglichkeit, für einen Schlag, der ihm lehren soll, die Grenzen meines Reiches zu achten.“
„Wie wäre es, wenn Ihr die Grenzen seines Reiches beachten würdet?“
Das Gesicht Balduins verschloss sich. Er schüttelte den Kopf und als sich das Knirschen des Leders hörte, welches er an Händen trug, wusste ich, dass ich einen Schritt zu weit gegangen war.
Was kümmerte es mich?
Ich wusste ja, dass ich diese Schlacht überleben würde.
Das ich zurückkehren konnte, an den Hof meines Königs, um den Dingen zu harren, die auf mich zukamen und vielleicht ein neues Leben zu beginnen, wenn mir der Aufenthalt im heiligen Land zu trist erschien.
„Die Ländereien, die er für sich in Anspruch nimmt, Marco, gehören mir. Sie sind mir vererbt worden und ich werde sie mir nicht entgehen lassen.“
„Meint Ihr, dass die Kohlebergwerke wirklich so ergiebig sind?“
„Kohle“, Balduin lachte unecht: „ist das wenigste was mich interessiert.“
„Die Oasen“, sagte ich leise und schüttelte gedanklich den Kopf. Das, was Balduin nicht öffentlich aussprach, war ein offenes Geheimnis. Denn die, die die Oasen der Wüste beherrschten, beherrschten das Land.
Hier, wo es nur Sand, Staub und elende Hitze gab, waren die kleinen, wie ein Geschenk Gottes wirkenden schattigen Plätze eine Wohltat und jeder, der an ihnen vorbei kam, sehnte sich nach dem kühlen Nass und der Möglichkeit, die müden Knochen zur Ruhe zu legen.
Und der, der bestimmen konnte, wer sich ausruhte, konnte Geld verdienen, von dem viele nur träumten.
„Natürlich“, nickte mein König und holte mich aus meinen Überlegungen zurück in die Gegenwart: „und noch etwas gibt es, was mich vorwärts treibt.“
„Wirklich?“
Ich schmunzelte, als ich an die Offenheit dachte, die mein König mir entgegenbrachte. Es war selten, dass er ungezwungen und ohne Hintergedanken über seine Gefühle und Empfindungen sprach. Meistens verband er seine Gefühlswelt mit der Politik und erhoffte sich so, einen Vorteil bei seinen Verhandlungspartnern zu erzielen.
Nicht so bei mir!
Bei mir wusste er, dass er der sein konnte, der er sein wollte. Das ich mich nicht darum kümmerte, wer vor mir stand. Ob es sich um einen Bettler der Gosse handelte, oder um den Kaiser persönlich.
„Du weißt genau, was ich meine, Marco.“
„Gewiss.“
„Und? Was sagst du dazu?“
„Töricht!“
„Du bist und bleibst ein Bastard, Marco!“ Zischte mein König mir entgegen und richtete seine Blicke dem Horizont entgegen, der die eben noch wie dahin schwimmende Düne gezeigt hatte.
Sie war uns ein Stück entgegen kommen und ich glaubte, wenn ich mich konzentrierte, die ersten, im schwachen Wind wehenden Wimpel zu erkennen, die von der Ankunft Ab Du Re kündeten.
„Ich sollte dir den Kopf abschlagen, elender Hund der Gosse“, schimpfte Balduin und nahm erneut einen Schluck aus dem Schlauch: „Und ihn den Löwen vorwerfen oder auf ihn pinkeln lassen!“
„Was seit Ihr so gereizt, mein König?“
„Ich möchte nur deine Meinung hören.“
„Ich habe sie gesagt.“
„Aber war es das, was ich hören wollte?“
„Sicherlich nicht“, gab ich zur Antwort: „Ansonsten würdet Ihr mir nicht drohen, mir das wichtigste zu nehmen, was ich besitze.“
„Ich habe von deinem Kopf gesprochen, nicht von deinem Gehänge.“
„Er ist mir lieber“, sagte ich mit einem breiten Grinsen und hörte hinter mir, wie einer der erschöpften Männer vorne überkippten. Mit dem Kopf gegen den Hals seines Pferdes schlug und langsam aus dem Sattel rutschte. Klirrend und Klimpernd viel er zu Boden und keiner kümmerte sich um ihn.
Er würde dort liegen bleiben, wo er gestürzte war. Ich konnte es hören, wie einige der Reiter ihre Pferde um den sterbenden Mann herumführten. Das einander nach den Zügeln des herrenlosen Tieres griff und dieses mit sich führte.
Eine lohnende Beute, wie einige finden würden.
Ein Toter zu viel, wie ich meinte.
„Dann bist du ein Dummkopf“, flüsterte Balduin, der ebenfalls mitbekommen hatte, was hinter ihm passiert war. Seine Gesichtszüge hatten sich verhärtet und seine Hände, die den Schlauch und die Zügel umfassten, waren für einen kurzen Moment zusammengezuckt. Seine Lippen waren Striche und als er aus erschöpft getrübten Augen zu mir schaute, schnaufte er leise: „Und ich ein Pferdehaufen voller Fliegengedärme.“
„Warum das?“
„Mir sterben die Männer unter den Händen weg, ohne das ein Schwertstreich, ihrem Leben ein Ende bereitet hat.“
„Ich war gleich dagegen.“
„Ich weiß, Marco!“
Die Stimme meines Königs schnitt. Sie riet mir still zu sein und den Augenblick der Selbstzweifel nicht weiter zu unterstreichen. Es fiel ihm so schon schwer genug, über seine Gefühle zu sprechen. Und wenn ich ihn dabei nötigte und verspottete, konnte ich den brüchigen Weg, den er beschritt, mit einem Schlag zerstören.
Ich schwieg und schaute weiter geradeaus. Der Düne entgegen, die sich Meterweit in die Höhe erhob. Aussah, wie ein sich langsam bewegender Berg, aus dessen obersten Spitze die einzelnen, kleinen Sandkörner herum wehten und aussahen, wie ein sich in den Himmel erhebender Schleier.
Schwer war mir um mein Herz geworden, als ich die schwarz, sich vom Firmament absetzenden Pferde erkannte, die bemannt waren, mit in leichten Rüstungen gekleideten, dunkelhäutigen Männern, die Rundhelme trugen, die spitz zuliefen und von dessen obersten Punkt gefärbte Schweife hinab fielen.
Die Lanzen, die sie in Händen hielten, glänzten und die Lichtblitze, die uns entgegen huschten, blendeten mich leicht.
„Trotzdem möchte ich, dass du weißt, dass ich dich für einen Ehrenmann halte“, führte Balduin seinen begonnen Satz zu Ende und schien nicht bemerkt zu haben, was langsam und gemächlich auf uns zugeritten kam: „Und das ich dich als meinen Trauzeugen gewinnen möchte, wenn ich diesen Krieg gewinne.“
„Ihr wollt heiraten?“
Er nickte: „Ja, die Frau, weswegen ich auch in diesen Krieg ziehe.“
„Hanife wird Eure Hand ausschlagen.“
„Sie wird mich heiraten, wenn meine Truppen die ihres Bruders weggefegt haben und wir vor den Toren ihrer Stadt stehen.“
„Wir gewinnen diesen Kampf nicht“, sagte ich erneut und fühlte eine Schwere in mir aufsteigen, die mich seufzen ließ.
Ich wusste, dass Ab Du Re ein ausgeruhtes, gut genährtes Herr befehligte, während unsere Männer vor Erschöpfung kaum noch gerade in ihren Sätteln saßen.
Das sie vor Müdigkeit die Augen nicht offen halten konnten und das die Soldaten unseres Feindes die Düne als erstes bestiegen hatten und uns somit voraus waren. Ich wusste um unseren schweren Stand und ich war mir sicher, dass Balduin ebenfalls seine Gedanken kreisen ließ. Wir würden die Düne nicht erklimmen können. Es war uns klar, dass wir über die Hälfte unserer Mannen verlieren würden, bevor wir die oberste Spitze erreicht hatten.
Ich schüttelte missmutig den Kopf und überlegte mir, Balduin noch einmal ins Gewissen zu reden. Er musste gestoppt werden und wenn er sein Königreich nicht ohne Schutz zurücklassen wollte, musste er den Krieg abbrechen.
„Balduin“, begann ich und scherte mich nicht darum, auf Formen zu achten. Ich wollte ihm zeigen, dass es mir Ernst war und als er den Kopf wand, seine Hand senkte, die die grell blendende Sonne abgeschirmt hatte, wusste ich, dass er mir zuhören würde: „Lasst uns verhandeln. Noch einmal.“
„Dafür ist es zu spät.“
„Für den Frieden?“
Mein König lachte und schüttelte sich leicht. Er drehte den Oberkörper und wies auf sein erschöpftes, schleichendes Heer, das seinen Zug nicht stoppte. Weiter marschierte und soweit gehen würde, für fremde Interessen zu sterben.
„Wir werden ihn haben, sobald Ab Du Re gefallen ist.“
„Bitte, Balduin...“
„Halte deinen Mund, Marco. Bitte...“
Das letzte Wort hatte Balduin leise, bedächtig ausgesprochen und hielt mich zurück, den Vorwurf in meine Stimme zu legen, der sich in sie geschlichen hatte. Meinen Worten einen Nachdruck verlieh, denen mein König nichts entgegen zusetzten hatte.
Er schnaufte leise und zeigte mit dem ausgestreckten Finger, auf das sich langsam sammelnde Herr des Ab Du Re. Es zog auf, wie ein sich ausbreitender Hornissenschwarm, und als unser Zug noch einige Schritte gemacht hatte, bestand die Düne aus schwarzen, leicht gepanzerten Leibern, die allesamt Lanzen mit befestigten Wimpeln trugen.
„Ich sehe sie“, nickte ich meinem König zu, der einen missmutigen Gesichtsausdruck aufgelegt hatte und einen Blick zurück auf sein Herr warf: „Und deswegen bitte ich Euch, mein König, dass wir hier rasten und die beginnende Nacht abwarten. Es wäre zu gefährlich, jetzt einen Angriff zu beginnen.“
„Ab Du Re soll nicht denken, dass ich ein Feigling bin!“
„Er wird meinen, dass Ihr ein Dummkopf seit, wenn Ihr jetzt gegen die Düne marschiert!“
„Hmmm“, machte mein König, der die Hand hob, und mit einem kurzen Zug an seinem Zügel sein Pferd zum stehen brachte. Rufe wehten wie auseinander treibende Staubfetzen über das Heer und ließ diesen langsam verharren. Es klimperte und als einige erschöpft ihre Schilde ablegten oder die Helme vom Kopf nahmen, rumpelte es und erinnerte mich sehnsüchtig an ein Gewitter.
Ein kurzer Blick zum klaren, blauen Himmel, reichte, um mir zu versichern, dass keinerlei Regen auf uns niedergehen würde. Einen Vorteil, der uns weiter gebracht hätte. Doch jetzt, wo die Luft glühte und uns das Atmen erschwerte, waren wir im Nachteil. So konnten wir keinen Krieg gewinnen.
„Nicht in dieser Hitze“, sagte ich und hoffte, dass Balduin seinen verkehrten Stolz ablegte und sich darüber im Klaren war, sein Königreich auf das Spiel zu setzten: „Es ist zu heiß!“
„Ich weiß das!“ Zischte mein König ärgerlich und die vernichtenden Blicke, die er gegen mich richtete, ließ mein langsam schlagendes Herz schneller werden. Ich wusste, wie es in ihm aussah und als ich mein Pferd ebenfalls dazu gebracht hatte stehen zu bleiben, nickte ich ihm zu: „Deswegen sollte das Heer hier stehen bleiben.“
„Hier gibt es keinen Schatten“, brummte Balduin, und als ich das leise schnaufen eines Pferdes hörte, und das langsame aufsetzten von Hufen auf Sand wusste ich, dass sich einer der Offiziere dazu entschlossen hatte, sich meinem König zu nähern.
Bevor er heran war, und ich die letzte Möglichkeit verspielt hatte, auf Balduin einzuwirken sagte ich- mit Sorge in der Stimme: „Aber hier können wir uns besser schützen. Das Land ist nicht abgeschlossen. Man kann uns hier nicht umzingeln!“
„Hinter der Düne liegt ein Wasserloch“, erinnerte Balduin mich und ließ die stille Sehnsucht in mir entflammen, endlich wieder einen kühlenden Schluck Wasser zu mir zu nehmen und meinen überhitzen Körper langsam abzukühlen: „Es würde reichen, um uns alle zu stärken.“
„Es bringt nichts, Tote ans Wasser zu führen.“
„Unser Herr“, begann Balduin und schaute zum Himmel: ,,ist auch durch die Wüste gewandert und hat dem Teufel widerstanden.“
Ich schmunzelte und schüttelte leicht den Kopf: ,,Das würde ich auch, wenn eine Religion an meinen Händen kleben würde.“
„Du sollst aufhören in Ketzerei zu sprechen.“
„Ich will Euch nur beschwichtigen, mein König!“
Balduin kam nicht dazu, seine Ermahnungen weiter auszusprechen. Er hielt inne, ebenso wie ich, als der aufrecht in seinem Sattel sitzende Gerard Gampanie zu uns geritten kam. Gehüllt in ein teures, silbrig glänzendes Kettenhemd, über welches er den weißen, mit einem roten Kreuz auf der Brust gestickten Umhang geworfen hatte. Sein schwarzer Rappe schnaufte verächtlich und das herablassende Lächeln, welches auf seinen schmalen Lippen lag, die umrahmt waren von einem braunen Bart, ignorierte ich.
Auch den Gruß, den er entsandt, als er die behandschuhte Hand hob, uns kalt musterte, übersah ich.
Schwer ums Herz war mir geworden, als der Orden der Kreuzritter sich dazu entschlossen hatte, meinen König zu unterstützen. Jeder wusste um die angeblichen frommen Kriegsmönche, wie sehr sie es liebten, die gerechte Sache zu verteidigen und gegen die Heiden vorzugehen, die es ringsherum um uns gab.
Und Gampanie war einer der schlimmsten.
Er verstand es, seine tiefe, grollende Stimme so einzusetzen, dass die Männer vor ihm erzitterten und sich erhaben fühlten, wenn er aufgehört hatte mit ihnen zu sprechen. Seine Wortgewandtheit erschreckte mich und ließ mich in leichtem Neid zu ihm blicken.
Er senkte die Hand wieder, legte sie auf den Knauf des Sattels und als er dicht genug heran war, hörte ich den arroganten, selbstherrlichen Klang mit dem er sprach und schaute bedächtig zu meinem König, der leicht einatmete und die Hand hob, um Gampanie besser zu betrachten.
„Das Heer wartet auf Euren Befehl!“
„Es soll weiter warten.“
„Hoheit?“
Die Selbstherrlichkeit verschwand aus dessen Gesicht. Sie wich überraschter Verwunderung und als er sich bewusst wurde, dass ich ihn anstarrte, straffte sich seine Haltung und ein amüsiertes Lächeln legte sich auf seinen Mund.
„Wie ihr befielt. Aber lasst mich einen kurzen Einwand erheben.“
„Habt Ihr nicht gehört, was unser König gesagt hat?“ Fragte ich mit scharfer Stimme und das Visier, dass mein Gesicht verdeckte, verhinderten einen Blick auf meine Mimik. Ich kochte vor Wut und ich wusste, dass Gampanie es verstand, Menschen zu beeinflussen, oder ihnen insgeheim seine Wünsche ausführen zu lassen.
Ich wollte ihn vertreiben. Ihn zurücktreiben in das Glied der befehligenden Soldaten und ich hoffte, dass er zu überrascht war, um Gegenworte zu geben.
Ich sah in sein Gesicht und ich wusste, dass er sich auf die kleine Demonstration meiner Macht einlassen würde. Er lächelte wieder, nachdem er sich von meinem Angriff erholt hatte.
Er beugte sich leicht vor und ließ seine dunklen Haare ins Gesicht fallen, welches unter der glühenden Sonne einen rötlichen Ton angenommen hatte und aussah, als ob es jeden Augenblick anfangen würde abzupellen.
„Meine Ohren sind gut“, antwortete er mir: „trotzdem lasst mich mit unserem König sprechen. Ihn interessiert sicherlich, was die Kirche zu dieser Entscheidung zu sagen hat.“
„Ich glaube...“
„Marco“, unterbrach mich mein König und ich schloss für einen kurzen Augenblick die Augen. Ich wusste, auf was ich mich einließ und mir war bekannt, wie schnell Balduin vor der Kirche kuschte.
War er ansonsten ein Mann, der vor niemandem Reue oder Angst zeigte, war es in diesem Fall etwas anderes. Dem Wort Gottes, welchem er gerne lauschte, machte ihn zu einer Marionette der Geistlichen und dieses wusste Gampanie ebenso wie ich.
Er schenkte mir ein gewinnendes Lächeln und ich wünschte mir nichts sehnlicheres, als das er einer der ersten war, der unter dem Pfeilhagel zu Grunde ging oder sich von einem Schwerthieb aus dem Sattel werfen ließ.
„Warum das Zögern, mein König? Wäre es nicht angebracht jetzt und mit einem formierten Heer gegen die sich gerade sammelnden Mannen Ab Du Res zu gehen?“
Balduin sagte nichts.
Er schaute nur gegen die Düne und das leichte Zucken, welches von seinen Wangen besitz ergriff, ließ mich die Blicke senken, auf die Mähne meines Pferdes blicken und den Tag verfluchen, als Gampanie das erste mal seinen Fuß in den königlichen Palast setzte und meinem Herren erzählte, dass er aus Rom kam, um das Heer der Kreuzritter mit ihm gemeinsam in den Kampf ziehen zu lassen.
Ich wusste, dass mein König schwach werden würde. Das er sich einem törichten Gedanken hingeben würde, der ihn dazu trieb, sein Heer in die Falle laufen zu lassen.
„Wenn wir diese Gunst nutzen, mein König, könnten wir schnell den Sieg davon tragen. Schaut nur, wie hungrig Eure Männer nach einem schnellen Sieg sind. Ihre Blicke sind...“
„...müde und erschöpft“, warf ich ein und ignorierte den strengen Blick, den Balduin mir zuwarf. Ich wusste, dass ich ihm insgeheim über den Mund gefahren war. Das ich ihn beleidigte und das ich seinem Ansehen schadete. Aber die Möglichkeit, diesen Krieg hinaus zu zögern und doch noch verhandeln zu können, ließen mich über jede Etikette hinweg schauen.
„Sie sind voller Willen und Zuversicht, Marco.“
„Vivolie“, verbesserte ich Gampanie, der mir zunickte und mir ein herablassendes Lächeln schenkte.
„Ich glaube nicht, dass ich zu Euch gekommen bin, Vivolie, um über das Heer zu sprechen, sondern mit meinem König.“
„Schweigt. Beide“, sagte Balduin und die Härte, die mir entgegen schwamm, wie ein Stück Holz auf dem Wasser, ließ mich entschuldigend den Kopf senken. Ich wusste, was ich angestellt hatte und ich konnte mir die Wut vorstellen, die Balduin erfasst haben musste. Trotzdem musste ich versuchen gegen Gampanie vorzugehen und ihn daran hindern, dass Heer in seinen sicheren Tod laufen zu lassen.
„Natürlich, mein König“, ich senkte den Blick erneut und ich spürte wie sich die Blicke Gampanies auf mich legten. Das er mich in diesem Augenblick verabscheute und das er mir lieber jetzt als gleich, sein Schwert in den Leib gebohrt hätte.
Sollte er ruhig!
Mir würde es nichts machen!
Aber denen, die hinter mir auf ihren Pferden saßen, würde es das Leben kosten.
Deswegen holte ich kurz Luft und schaute erneut zu Balduin, der seine Zügel fester umfasste, zum Himmel schaute, und die Dünen betrachtete, auf denen sich das Heer seines Feindes gesammelt hatte.
Ich seufzte und hörte, wie Gampanie sich in seinem Sattel bewegte. Es knirschte unangenehm und die Unruhe, die das Heer ergriff, äußerte sich erst in einzelnen, kleinen tänzelnden Schritten der Pferde, bis sich ein leises Stöhnen aus der Kehle eines Mannes löste und sich andere Soldaten anschlossen.
Schließlich stellte jemand die erste, unangenehme Frage und als sich ein Raunen erhob, wie eine sich auftürmende Welle, nickte Balduin und zog das Schwert aus der Scheide.
Ein Blick zu Gampanie reichte aus, um mir eingestehen zu müssen, dass ich dieses kleine Duell verloren hatte. Das Blitzen in seinen Augen zeigte mir seinen Sieg und die erbarmungslos vom Himmel brennende Sonne ließ mich glauben, in meiner Rüstung in einem Ofen zu sitzen, in den ein Bäcker immer mehr Holz warf. Ich schluckte und sehnte mich nach einem weiteren Schluck Wasser.
Doch als die Klinge, aus mehrmals gefalteten Stahl, aus der Scheide rutschte, auf die Düne zeigte und ich das Emblem des Könighauses zu Akkon erblickte, wusste ich, dass alle meine Versuche gescheitert waren.
„Für Akkon“, brüllte Balduin: „Gott will es!“

*

Der Schrei hallte über das Schlachtfeld!
Aus tausenden von Kehlen gebrüllt schwoll er zu einem Orkan an, der mein Pferd vorwärts peitschte, mich das Schwert ziehen und auf meinen König schauen ließ. Der sich in einen dichten Tross aus gepanzerten Reitern gezwängt hatte und das Kommando über die Streitmacht fest in Händen hielt. Die Tempelritter, die von Gampanie geführt worden waren, ließen ihre Pferde auf die Düne zu galoppieren. Sie in einen Pfeilhagel reiten, der den Himmel für einen kurzen Augenblick verdunkelte. Die Sonne hinter schmalen, senkrecht in die Luft steigenden, mit Metallspitzen versehene, Pfeile versteckte, die donnernd und krachend in die Reiterei stürzte. Hinter denen sich das Fußvolk aufhielt, dass mit Speeren, Schwertern und Äxten bewaffnet war und versuchte die Düne hinauf zu kommen.
Gelbliche, stechender Sand wirbelte auf, als die Pferdehufe weiter trampelten, die Ritter sich dem Feind entgegen stürzten und einen erneuten Hagel über sich ergehen ließen, der aus Pfeilen bestand.
Ich hörte die ersten, keuchenden Schreie.
Vernahm das Sterben von mir unbekannten Menschen, die ihr Leben gaben für eine sinnlose Sache, die ich nicht verstehen wollte. Trotzdem ritt ich mit. Das Schwert in der Hand, den Blick geradeaus gerichtet, auf meinen König, der sein breites, rundes Schild vor sich hielt und mehrere, gut gezielte Pfeile abwehrte. Seine roten Haare leuchteten und der Stolz, der ihn übermannte, als er zum Angriff rief, hatte ihn vergessen lassen, einen Helm aufzusetzen.
Erneut schrieen die Männer: „Gott will es“, und liefen weiter hinter der schweren Reiterei her, die ihre Lanzen nach vorne streckten, um diese gegen die Verteidiger zu rammen.
Pferde schrieen, als sich Pfeile zwischen den Panzerungen hindurchzwängten, in ihre Schultern oder Schenkel drangen und die Tiere zu Boden warfen. Woraufhin weitere Pferde zu Boden gingen ihre Reiter abwarfen und mühevoll versuchten wieder aufzustehen. Das Ächzen und Stöhnen, dass Klirren und Schlagen, von Metall und Menschen, ließ mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen.
Die Wärme interessierte mich nicht mehr, als ich spürte, wie ich meinen Schimmel die Düne hinauf zwängte, gegen den Körper eines neben mir reitenden Mannes stieß, dessen Stimme, nach der langen Reise und dem kurzen Verharren, heiser geworden war.
Ich lächelte grimmig, als er zu mir herüber schaute, mich kurz musterte und dann seine Blicke wieder nach vorne richtete, dorthin, wo erneut Männer aus den Sätteln gerissen wurden, und zu Boden gingen. Sich ihre blutenden Bäuche hielten oder die Wunden bedeckten, die die Pfeile gerissen hatten.
Das, was ich hier sah, stimmte mich traurig und ich spielte kurz mit dem Gedanken, Balduin zu richten. Ihn mit einem kurzen Hieb meines Schwertes aus dem Sattel zu heben, um ihn das Schwert auf die Brust zu setzten. Den Angriff abzubrechen, um das Heer zu schützen, dass in seinen sicheren Untergang ritt.
Ich entschied mich anderes!
Erinnerte mich an den Schwur, den ich Balduins Vater gegeben hatte, als dieser mit fiebernden Blicken zu mir schaute, einen Schwall schwarzen Blutes erbrach und sich mit einer schwachen Handbewegung über die trockenen Lippen wischte. Ich wusste, was er mich fragte, als der Tod nach ihm griff. Zu lange schon verfolgten mich die Worte eines Mannes, der es verstanden hatte, ein Heer zu führen und ein Volk zu regieren. Meist mit harter Hand, aber mit einem Geschick, dass mich fasziniert hatte.
Er war nicht so töricht wie sein Sohn; Der weiter ritt, mit seiner Leibwache die Hälfte der Düne erreicht hatte und gegen einen Schwall Verteidiger ankämpfen musste, die sich aus den Reihen der Männer gelöst hatten, die sich auf der Düne versammelten, diese niedermähte, ohne dass sie eine Chance fanden, um ihr Leben zu kämpfen.
Die Schwerter blitzen in der Sonne, als sie über Köpfe gehoben wurden. Das Licht zuckten über das Metall und schien die Waffen hervorzuheben, bevor sie in die in die Körper der Feinde eindrang.
Schwer fielen die Verteidiger zu Boden, nachdem Pferdehufe und geschliffener Stahl ihren Leben ein Ende bereiteten. Ihre Krummsäbel, die sie über ihre Köpfe führten, schafften sie nicht mehr, einzusetzen.
Einem Verteidiger fehlte nach einem geführten Schlag die Hälfte des Gesichtes, worauf hin der in die Knie sank, die Hände auf die Wunde legte und bitterlich zu schreien anfing. Das rote, übel riechende Blut floss ihn zwischen den Fingern hindurch. Sein Brüllen brach ab, als die Pferde über ihn hinweg stoben, seinen Körper zerschmetterten und als ein lebloses, die Düne herabrollendes Bündel zurückließen. Den Bogenschützen für einen kurzen Augenblick Angst einjagten, als die ersten Ritter heran waren, das Ende der Düne erreicht hatten, und mit ihren Schwertern nach den Lanzenträger hieben, die versuchten so viel Distanz wie möglich zwischen sich und die Reiterei zu bringen.
Wieder krachte Metall auf Metall.
Männer schrieen und das Wiehern, welches die klagenden Pferde ausstießen, ließen mich hoffen, diese Schlacht schnell hinter mich zu bringen. So dumm wie sie begonnen hatte, würde sie enden.
Mit Blut und Schande.
Den Gedanken an Rache und die Hoffnung auf einen weiteren Sieg.
Mein Tross kam an!
Er rückte nach, nachdem sich erhebliche Löcher in den Reihen der Tempelritter gebildet hatten, die ihren Pferden die Sporen gegeben hatten, als der zweite Pfeilhagel über uns herein gebrochen war und Balduins Männer die ersten Verteidiger niedergemacht hatten.
Windend, vor Schmerzen und Pein, lagen auf der Spitze der Düne, die Männer Balduins und Ab Du Res. Alle gleich, in ihrer Angst vor dem Tod und alle mit dem Wunsch beseelt, dass diese Schlacht schnell vorbei gehen würde.
Dort, wo ich die Tempelritter gesehen hatte, die in ihren weißen Wamsen wie das Strafgericht Gottes aussahen, fand ich nur noch die schwarzen Rüstungen der Kämpfer des Scheichs. Die wild fochten, in ihrer Verzweiflung und sich gegen einen Angreifer stellten, der keine Gnade walten lassen würde.
Als ich das erste Mal mein Schwert erhob, sah ich Gampanie, dessen Rüstung bespritzt war mit Blut, dass sich in seinem Wams verfangen hatte, an seinem runden Helm klebte und an den eisernen Handschuhen herab lief, mit denen er sein Schwert führte.
Sein Schrei hallte mir entgegen, ließ mich zu ihm schauen und wie blind nach meinem ersten Gegner schlagen, der in die Knie gegangen war, und die Lanze von unten nach oben führte. Das hohl klingende klirren des Schwertes, dass gegen den Lanzenkopf stieß, ließ meine Blicke von Gampanie zurück schweifen. Der erneut einen Gegner erschlug und diesen in den Sand der Düne warf.
Ich schaute in das verzehrte, eckig wirkende Gesicht des Mannes, der den spitz zulaufenden Helm, mit dem Fell besetzten Rand, auf dem Kopf trug und fest die Lanze umfasste. Weiß traten seine Gelenkknöchelchen hervor und als ich erneut mit dem Schwert ausholt, es pfeifend durch die Luft schnellen ließ, wich alle Farbe aus dem Gesicht des Mannes. Der nicht wusste wie er regieren sollte und den Hieb meiner Waffe voll nahm. Nicht gegen die schneidende Klinge unternehmen konnte, die sich durch den ledernen Harnisch fraß, auf seine Kleidung traf und diese durchtrennte.
Ich spürte, wie die Klinge über den schmächtigen, leicht beharrten Brustkorb meines Gegners glitt. Wie es Haut teilte, wie ein Messer die Butter und den Knochen splittern ließ, wie eine Axt den Stamm eines Baumes.
Entsetzt und mit einem verwirrten Blick, schaute mich der Mann an, der die Lanze noch immer umklammerte, die leicht zur Seite neigte und versuchte in den gepanzerten Hals meines Pferdes zu rammen.
Der Tod ereilte ihn schneller, ließ in rücklings in den Sand fallen, dorthin, wo einer der Tempelritter lag, durchbohrt von drei Pfeilen, die aus seiner Brust ragten und das Eisen seines Helmes durchschlagen hatte.
Ich ritt weiter. Verzog das Gesicht und schwang mein Schwert in der Hoffnung, weitere Männer Ab Du Res zu töten, damit ich es endlich schaffte, zu meinem König zu kommen. Der eingeschlossen von einem Tross, weiter versuchte durch die Linien der Verteidiger zu brechen.
Ich sah das Funkeln seiner Rüstung im Sonnenlicht und hieb einem Verteidiger den Kopf von den Schultern, als ich eine Öffnung sah, die Männer Balduins geschlagen hatten, indem sie mit einem wilden Angriff gut zehn Mann Ab Du Res nieder gemach hatten, ohne das die Verteidiger die Möglichkeit fanden, das entstandene Loch schnell wieder zu schließen.
Es sollte meine Chance sein!
Wenn es mir gelang, schnell hinter die Linien der Männer zu kommen, um dem Scheich entgegen zu treten, ihn zu verletzten oder in einem Zweikampf zu besiegen, war das Sterben der Leute vorbei.
Ich spornte mein Pferd und mich an. Umfasste die Zügel fester und als das Tier den Satz nach vorne machte, auf die sich langsam schließende Lücke zu galoppierte, sah ich aus dem Augenwinkel, wie sich Pfeile aus dem Pulk der Bogenschützen lösten. Erneut wie ein dunkles Omen über den Himmel flogen und sich in das Heer meines Königs gruben. Ich spürte, wie vier Pfeilspitzen auf meine Rüstung prallten. Abbrachen und zur Seite wegschleuderten. In den Sand fielen und von dem kämpfenden Füßen langsam versanken.
Das Glück, welches ich hatte, war meinem Pferd nicht beschienen.
Es bäumte sich plötzlich auf, als ich es weiter nach vorne treiben wollte. Es Wieherte und der Schaum, der mir in Form von kleinen, weißen Flöckchen entgegen wehte, ließen mich verwundert schauen.
Ich konnte nichts damit anfangen und als der schwere Körper des Pferdes sich zur Seite neigte, mich unter sich begraben wollte, ließ ich die Zügel los und hechtete aus dem Sattel. Zwei Verteidigern entgegen, die sich über einen ebenfalls gestürzten Ritter hermachten, ihm ihre Lanzen tief in den Körper rammten und so töteten. Noch zuckte der eigentliche Freund und starb unter einem röchelnden Laut.
Meinem Flug konnten die beiden Verteidiger nichts entgegen setzten. Er holte sie von den Beinen und überraschte mich ebenso wie sie. Sie schrieen, als sie zu Boden gingen und versuchten sich in dem Getümmel zu orientieren. Als ich mich auf die Beine quälte, dass Gewicht meiner Rüstung spürte, zuckte ich zurück und blinzelte. Durch das Visier meines Helmes, war Blut geflossen. Eine träge, warme Masse, die meine Augen verklebte und mich rückwärts gehen ließ. Ich prallte gegen andere Körper und als ich das Visier öffnete, meine Augen frei wischte und das Gedränge um mich herum spürte, sah ich, weswegen meine Sicht für einen kurzen Augenblick verhindert war.
Einer der beiden Angreifer hatte sich erhoben und das Schwert eines Ritters war in dessen Kopf gefahren, hatte diesen gespalten und in zwei Hälften geteilt.
Angewidert drehte ich mich um. Suchte nach meinem Schwert, welches ich verloren hatte, nachdem mein Pferd niedergegangen war.
„Gott will es!“ Hallte es erneut über die Düne, als die Fußsoldaten den Platz erreichten, an dem wir seit kurzem kämpften. Es rasselte und knirschte, als die gepanzerten Leiber auf die Verteidigungslinien schlugen.
Mich weiter von Balduin davon trugen, den ich erreichen wollte, nachdem ich gesehen hatte, dass sein Tross zum stehen gekommen war. Das sich die Verteidiger formiert hatten und anfingen die Ritter langsam zurück zu drängen.
Schreie hallten mir entgegen!
Schwerter fuhren über Rüstungen und Lanzen gruben sich in Körper.
Die Mannen Balduins und Ab Du Res kämpften wie die Teufel. Keiner wollte dem anderen den Platz überlassen und als ich mich soweit gefangen hatte, mich wieder auf das Geschehen konzentrieren konnte, was sich um mich herum ausbreitete, sah ich, wie eine Woge Soldaten meines Königs gegen die Aufgerichteten Schilder der Verteidiger rannten. Hinter denen Speerspitzen hervor kamen und die Angreifer einen nach dem anderen aufspießten, ohne, dass sie den immer stärker werdenden Lauf stoppen konnten. Die Verteidiger mussten einen Schritt nach dem anderen zurückweichen.
„Gott will es!“ Brüllten die Tempelritter, die weiter in einer Formation kämpften, die sie an den Rand der Düne gebracht hatte, dem ich entgegen trieb, wie ein Stück Holz auf dem Wasser, dass einem Wasserfall entgegen schwamm.
Ich konnte mich nicht wehren, gegen die schiebenden und drückenden Leiber.
Der Geruch von Blut lag in der Luft und als ich die Sonne wieder spürte, wie sie auf meinen Schädel brannte und den Helm erhitzte, glaubte ich an einem Hitzschlag sterben zu müssen.
Es war verrückt, wie ich fand, als ich einen Rabenschnabel fand, ihn aus dem Lauf heraus aufhob und schwang, als ob ich schon immer mit ihm gekämpft hatte. Ich drehte die stumpfe Seite der länglichen Waffe nach innen und den rabenähnlichen, gebogene, eisernen Dorn, richtete ich auf meine Feinde, die sich mir entgegen stellten, getrennt worden waren, von ihren Freunden, und sich nun mit Haut und Seele verteidigten.
Es war ein schrecklicher Anblick, sehen zu müssen, wie sie immer dichter zusammen rückten, ihre Krummsäbel in den Fäusten hielten. Die Angst konnte ich riechen und als ob das Schicksal wollte, dass ich weiteren Menschen das Leben nahm, lief ich auf die Männer zu, die sich gegen die hitzigen Angriff einfacher Männer zu Wehr setzten und es nicht schafften, die ungelenk geführten Schläge der Soldaten Balduins etwas entgegen zu setzten.
Ich traf auf den kleinen Kampfplatz, als zwei ungläubige fielen und einer Balduins Soldaten. Sie liefen ineinander, schlugen mit den Waffen aufeinander ein und versuchten irgendwie jemanden zu verletzten. Kurz überlegte ich, als ich den fallenden Angreifer sah, ob ich mich ihm zuwenden sollte, um zu sehen, ob ich ihm noch helfen konnte.
Ich ließ es.
Schlug mit einem kurzen Schrei auf den Lippen auf einen meiner Gegner und sah, wie das runde, gebräunte Gesicht sich entstellte. Die braunen Augen, in denen eine Furcht flackerte, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen hatte, brachen unter meinem Schlag und das runde Kinn, flog in einem Hohen Bogen durch die Luft.
Wie vom Blitz getroffen, brach der Mann zusammen.
Er fiel gegen einen seiner Freunde und ließ mich auch diesen töten, als er sich versuchte von seinem gestorbenen Kameraden zu befreien.
Dieser Kampf wog kurz hin und her, als sich die Verteidiger darauf eingestellt hatten, dass ein neuer Kämpfer in die Reihen der Angreifer gestoßen war.
Es nützte ihnen nicht.
Die schiere Überzahl an Menschen, die die Düne hinauf stürmten, ließ sie alle ihr Leben verlieren und mich hinauf schauen, dorthin, wo die Verteidigungslinie des Ab Du Re langsam in sich zusammenfiel und mich hoffen ließ, dass diese ganze Dummheit endlich ihr Ende finden würde!
Wann wehte sie endlich, die weiße Flagge?
Würde Ab Du Re bis zum bitteren Ende gehen?
Alles aufgeben was er hatte, nur um vor seinen Gott zu treten, mit einem reinen und sauberen Gewissen?
Ich konnte es mir nicht vorstellen und als der erste Jubelschrei über das Schlachtfeld hallte, mich erneut aufschauen ließ, sah ich, dass die Tempelritter es von der Flanke her geschafft hatten, die Linie zu durchbrechen, um den Verteidigern in den Rücken zu fallen. Erneut schossen die Bogenschützen auf die Reiter, die sich tief auf ihren Pferden bückten, den heran fliegenden Pfeilen ein kleines Ziel boten und weiter preschten.
Die Fußsoldaten eilten ihnen hinterher.
Die Unruhe, die durch die disziplinierten Reihen Ab Du Res zog, ließ mich grimmig lächeln und einem erneuten Verteidiger den Tod schenken. Dessen Säbel, welches er in seinem Todeskampf von sich warf, fing ich mit einer geschickten Handbewegung auf und ließ den Rabenschnabel wie vergessen zur Erde fallen.
Er sank dumpf in den Sand und als ich meinen langsam erschöpfenden Körper dazu überredete, zu Gampanie und seinen Männer vorzudringen, verharrte ich abrupt. Schüttelte kurz den Kopf und dachte: Das kann nicht sein!
Aber das leichte Ziehen im Bauch, der Druck in der Brust und das leichte Wispern im Kopf, ließ mich verwirrt zur Düne hinauf schauen. Ich blinzelte und als sich meine Gedanken leicht zu klären begannen spürte ich die Gänsehaut auf meinem Rücken. Sie rieselte an ihm herab und als ich einen weiteren Schritt machte, die Templer sah, wie sie Mann um Mann töteten, der sich ihnen entgegen stellte, glaubte ich eine Stimme in meinem Kopf zu hören. Wie sie versuchte sich auszubreiten in mir und mich warnen wollte, vor einem zu schnell zuschlagenden Schicksal.
Ich schüttelte mich.
Meine Hände waren ohne Leben und ich schaffte es kaum noch, einen Fuß vor den anderen zu setzten. Ich schnaufte und das Flüstern schwoll an. Ich glaubte in einem kurzen, heftigen Orkan zu stehen, der den Sand um mich herum aufwirbelte, der meine Gefühle verrückt spielen ließ und mir zu schaffen machte.
Du bist besonders, hallte mir die Stimme im Kopf und ließ mich taumeln, wie unter einem Schlag, so wie ich. Und das, obwohl du nicht aus den heiligen Ländern des Morgenlandes stammst.
„Ich...“, hauchte ich und merkte nicht, wie das Kampfgetümmel um mich herum zu verebben drohte. Ich spürte weder die Stöße noch Ellenbogenhiebe. Es war, als ob ich mich verabschiedete von dieser Welt, die um mich herum versank.
Du kämpfst für die falsche Sache.
„Wer bist du?“
Was Besonderes!
Mit diesen Worten brach der Kontakt ab und ich landete unsanft in der Wirklichkeit, indem ich zu Boden fiel, einen heißen Schmerz spürte, der sich durch meine Brust zog und mich verstört nach unten schauen ließ. Dorthin, wo das Heft eines Schwertes aus mir herausschaute mich höhnisch anblitzte und das Grunzen verstehen ließ, das dicht neben mir ertönte.
Ich wand langsam den Kopf. Schaute auf einen Verteidiger, der mir seine Waffe durch den Körper gestoßen hatte, mit der lächerlichen Annahme, mich töten zu können.
Das klappte nicht.
Ich nickte und winkelte die Arme an.
Schmerzen zuckten durch mich hindurch, ließen mich den Kopf in den Nacken Werfen und meine ganze Wut in den Himmel schreien. Ich konnte mich nicht lösen und hasste den Mann dafür, dass er mich in einem Moment überraschte, der mir seltsam und fremd erschien.
Mich neugierig machte auf die eine oder andere Art, dass ich es verabscheute, von weltlichen, banalen Dingen abgelenkt zu werden.
„Stirb, du Bastard“, schrie der Mann, und warf sich auf mich, mit einem neuem Schwert in der Hand, welches er mit einer fließenden Bewegung aus seinem Gürtel gezogen hatte und sich mir entgegen warf.
Ich zog die Knie an.
Grinste und hasste es, mich nicht so bewegen zu können wie ich wollte.
Waren die Schmerzen eben noch unerträglich, gewesen, so wichen sie einem in mir entstandenen Heilungsprozess, der ein leises, schmatzendes Geräusch hinter sich her zog, welches mir längst in Fleisch und Blut übergegangen war.
Ich musste das Schwert aus meiner Brust ziehen.
Und kümmerte mich zuerst um den Angreifer, der mir seinen nach Knoblauch riechenden Atem entgegen blies und mich töten wollte.
Mich!
Einen Mann, der nicht einmal wusste, wie man die Angst vor dem Tod beschrieb, geschweige denn, einmal wirklich daran glauben musste, sein Leben zu verlieren.
Ich zog die Knie an.
Stemmte die Füße gegen die lederne Rüstung meines Gegners und schleuderte ihn in den Pulk aus Männern, die allesamt dem immer größer werdenden Loch der Verteidigung entgegen strömten, um gegen die Ungläubigen zu kämpfen, die ihren Widerstand aufgaben und ihr Heil in der Flucht suchten.
Verwirrt lag der Mann auf dem Boden.
Er schüttelte leicht den Kopf, als ich mich aufgerichtet hatte und das Schwert begann aus meinem Körper zu ziehen. Ein leises, ziehendes, schmatzendes Geräusch begleitete mein Tun, und als ich das Schwert in Händen hielt, stöhnte ich, weil die sich langsam schließende Wunde sich wieder öffnete, schluckte ich bittere Galle herunter. Und schleuderte die Waffe beiseite. Schritt auf dem Mann zu und erschlug ihn, ohne auf seine Augen zu achten. In denen eine Frage gestanden hatte, die ich ihm selber nicht beantworten konnte.
„Warum lebst du noch?“
Ich wusste es nicht!
Ich hatte es noch nie gewusst!
Es einfach nur hingenommen, dass ich anderes war als andere und Zeitalter kommen sah, wie andere Winter. Es war ein schweres Los und jetzt, wo ich auf dem Schlachtfeld stand, um mich herum das Leben langsam leiser wurde, hatte ich den Eindruck, als ob mich etwas locken wollte.
Eine mir unbekannte, fremde Macht, die Gefallen daran gefunden hatte, sich in meinem Geist einzunisten und mich in Verwirrung zu stürzen.
Ich suchte den geistigen Kontakt und fand ihn nicht.
Obwohl das Kribbeln da war, das leichte Ziehen im Bauch, welches ich gelegentlich spürte und das Unwohlsein, als ob jemand nach meinem Leben trachtete.
Es blieb mir verborgen.
Auch dann, als ich mich den letzten, die Düne hinauf eilenden Männern hinterher lief, die ihre Waffen noch in ihren Gürteln stecken hatten und sich nicht zu sehr beeilten, um die Schlacht zu erreichen, die über ihnen tobte. Die wieder zum Stillstand gekommen waren, nachdem die Bogenschützen des Ab Du Re, ohne Rücksicht auf Verluste, in die kämpfende Menge geschossen hatten.
Einiger der Angreifer waren gefallen und viele waren Hals über Kopf zurück gelaufen und hatten einige ihrer hervor stürmenden Kameraden behindert. Was zu einer kurzen Verzögerung geführt hatte und mir die Chance gab, endlich den Ort zu erreichen, den ich die ganze Zeit schon einnehmen wollte.
Den Platz neben Balduin!
Der mit seinen Männern gegen die Übermacht an Männern kämpfte, die alles daran setzten, den mächtigsten Mann Akkon zu besiegen. Reihenweise fielen sie in den Sand, erhoben sich nicht mehr und türmten sich wie leblose Berge auf. Die Reiterei meines Königs hielt blutige Ernte und als sie ein erneutes, kleines Loch schlugen, durch dass einige der Ritter hindurch ritten und weiter ihre Schwerter führten, sah ich, wie sich eine in schwarz gehüllte Person auf die Düne schob. Erst war es nur der leichte, von einer dornigen Krone umgebene Kopf, den ich erblickte und als ich den von Blut getränkten Sand aufwirbelte, hielt ich kurz inne und umklammerte das Schwert fester.
Ich keuchte.
Die Gestalt, die auf einem schwarzen Rappen saß, diesen mit einem wehenden Umhang bedeckte und eiserne Scheuklappen vor die Augen des Tieres geklemmt hatte, besaß etwas Herrschendes. Eine Ausstrahlung die seine Männer instinktiv zurückweichen und die Angreifer in ihrem Handeln für einen kurzen Augenblick unterbrechen ließ.
Nur das Jammern der Verletzten wehte dumpf über die Düne, untermalte den Auftritt der schlanken, in schwarze Kleider gehüllte Gestalt, die langsam den Sandberg erklomm und sich in Mitten der Männer stellte, die die wütenden Angriffe der Kreuzfahrer versuchten abzuwehren.
Mich durchfuhr ein Blitz!
Als ob die Gestalt ihre Blicke auf mich richtete, mich anschaute, kam ich mir vor und als ich zurück starrte, leicht den Kopf schüttelte, fühlte ich sie wieder, diese weichen, sanften Worte in meinem Kopf, die mich schweben ließen.
Ich hatte das Gefühl von einem leichten Rausch in meinem Körper. Fühlte mich leicht und gelöst und hörte, wie die Gestalt mir sagte: Du möchtest wirklich diese Schlacht beenden? In diesen Augenblick?
Warum das sinnlose Blutvergießen unterbrechen, wenn wir uns hier kennen lernen können.
Komm zu mir, und ich werde dir eine Welt zeigen, wie du sie noch nie in deinem Leben gesehen hast.
„Wer bist du?“
Jemand der weiß, wie er deine Reise angenehmer gestalten kann. Eine kurze Pause entstand, die mich dazu brachte gegen die Sonne zu blinzeln und auf die wiedereinsetzten Kämpfe zu achten. Ich spürte die Neugier in mir und auch ein anderes, tief sitzendes Gefühl, dass mir sagte, ich müsse aufpassen, mit wem ich hier spielte.
Ich sollte die Schlacht vergessen?
Ich konnte es nicht!
Ich musste zu Balduin vordringen, mit ihm sprechen und darauf hoffen, dass er mir zuhörte, wenn ich mit ihm sprach. Gampanie war weit weg, er konnte meinen Versuch nicht unterbinden und der Wunsch, die seltsame Gestalt kennen zu lernen, die mir ein Versprechen gegeben hatte, dem ich keinen Glauben schenken wollte, ließ mich verwirrt weitere Schritte machen.
Die mich vorwärts brachten, auf die Reiterei zu, die wieder wild kämpfte, einen Verteidiger nach dem anderen niedermähte, wie eine Sense Grashalme.
Kämpfe nicht dagegen an, mein Freund. Lass sie alle einen sinnlosen Tod sterben, während wir ein sinnvolles, unendliches Leben führen.
„Was willst du mir sagen?“
Nichts sagen. Nur zeigen.
„Dann unterbreche diesen Kampf. Ziehe deine Truppen zurück und lass Balduin die Düne.“
Eine helles, weiches Lachen hallte durch meinen Kopf und als ich mit meinem Schwert ausholte, einen Verteidiger, der es geschafft hatte, durch die Leiber der Pferde zu dringen, das Leben nahm, unterbrach sich der kichernde Laut. Ein erschrockenes Keuchen wehte durch meinen Geist und als ich grimmig die Düne hinauf blickte, die Gestalt nicht mehr erkannte, hatte ich das plötzliche Gefühl verlassen zu sein.
Es schien niemanden mehr zu geben, der mit mir sprechen wollte.
Oder?
Hörte ich es nicht noch?
Dieses Wispern und Flüstern?
Wie es versuchte gegen meine tobenden Gedanken anzugehen, die sich durch meinen Kopf schoben, wie Nägel, die man mit wuchtigen Schlägen ins Holz trieb?
Ja!
Leise und schüchtern schoben sie sich mir entgegen und als ich das leise Lachen hörte, dass wie hinter einem Fächer hervordrang, hielt ich inne, und achtete für einen kurzen Augenblick nicht darauf, was um mich herum passierte.
Die Truppen zum Rückzug zwingen? Wie soll ich das machen?
„Gib ihnen den Befehl?
Ich gebe keine Befehle. Ich bin nur ein kleiner Mensch, der etwas anderes ist, als andere. Kein Kriegsgott oder General der Truppe. Ich bin nur ein Mensch.
„Was?“
Ja, die Stimme kicherte leise, ich bin nur hier, um dich zu treffen. Den Mann, der schon dem alten König gedient haben soll. Der, der mehr weiß als andere und Geschichten zu erzählen mag, als ob er sie am eigenen Leibe erfahren hat.
„Dann bist du nicht...?“
Nein, ich bin nicht Ab Du Re!
„Aber...“, meine Stimme versagte und ich tauchte wieder ein auf das Schlachtfeld, dass sich zu einem Chaos entwickelt hatte, dass um mich herum herrschte und dem ich nichts entgegen setzen konnte. Das mich auffraß, als ich zu Balduin vordrang, mich auf ein herrenloses Pferd schwang und versuchte den ausholenden Arm meines Königs herunter zu drücken, damit dieser den Schlag nicht ausführen konnte, den er führen wollte.
Es sollte einen Verteidiger treffen, der schon auf den Knien saß. Keine Waffe mehr in Händen hielt und diese nach außen gedreht hatte, um meinem König zu zeigen, dass er nicht gewillt war, weiter zu kämpfen.
„Nicht“, schrie ich, als ich das Pferd mit einem leichten Schenkeldruck beruhigte und das zurückwerfen des Kopfes mit einer kurzen Drehung meines Oberkörpers ausglich. Hart umfasste meine Hand den Arm des Königs, der mich verwirrt anschaute, blinzelte und nicht zu wissen schien, wo er sich befand.
En Rausch, den er erfahren haben musste, spiegelte sich in seinem faltigen Gesicht wieder. Sein Bart war bespritzt von Blut und der weiche Sand, der sich in den Haaren verfangen hatte, ließ ihn aussehen, wie einen der Zauberer, die oft in den Geschichten der Kinder auftauchte und es gerade noch schaffte, den Helden das Leben zu retten.
„Marco“, hauchte er und brüllte, als ein Ritter aus seinen Sattel fiel, durchlöchert von drei Pfeilen, die ihn in den Hals und die Brust getroffen hatten: „Was machst du hier? Ich dachte dich verloren zu haben.“
„Ich gehe nie verloren, mein König“, schrie ich gegen die immer lauter werdenden Metallschläge an, die mir in den Ohren hallten und mich um mich schauen ließ: „Aber diese Schlacht muss ihr Ende finden!“
„Ja. Gleich wird es soweit sein. Schau nur, wie weit der Tempel vorgedrungen ist. Sie sind hinter den Reihen und unsere Männer eilen ihnen nach. Die Flanke ist gebrochen!“
Balduin hatte recht und als sein Pferd sich aufbäumte, er mit dem Schwert nach dem Verteidiger schlug, wusste ich, dass er den Kampf erst dann abbrechen würde, wenn seine Männer alle tot waren, oder die Verteidiger endlich flohen.
Sie taten es!
Nach dem erneut die Ritterschar zu einem Angriff ansetzte, durch die Reihen derer brach, die ihren Sultan beschützten und eine Spur des Todes hinter sich herzog.
Plötzlich herrschte Panik.
Die dunkelhäutigen Männer gaben ihre Positionen auf. Liefen eiligst die Sanddüne herab, hinter der sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Sie wollten ihr Leben schützten und waren nicht mehr bedacht darauf, dass ihres Herren zu verteidigen. Einen Sieg, der Balduin neuen Aufschwung gab. Der ihn das Schwert dem Feind entgegen streckte und erneut brüllte: „Gott will es!“

*

Weit waren die Feinde gelaufen.
Hinter ihnen die Heerscharen meines Königs, die darauf bedacht waren, keinen der Ungläubigen überleben zu lassen. Ich hatte versucht mit Balduin darüber zu sprechen und hatte in mir das seltsame Gefühl des Sieges verspürt. Es war zu vergleichen gewesen mit einem betrunken sein, dass einen glauben ließ die ganze Welt würde einem zu Füßen liegen.
Das, was dieser Sieg uns gekostet hatte, wussten wir nicht und die Freude darüber, unsere schwitzenden Körper endlich die Ruhe zu gönnen, die sie brauchten, ließ mich in den ersten Stunden nicht einen Gedanken an die Toten verschwenden.
Ich fiel mir mit Balduin in die Arme und wir lachten und tanzten, als ob wir zwei verliebte Jungen waren.
Der Kampf war vorbei!
Die ersten Feuer fingen an zu lodern und das Lager, welches wir in einem kurzen Kampf erobert hatten, gab uns genügend Platz und Vorräte, um die nächsten beiden Tage nichts weiter zu tun, als auf dem Boden zu hocken und in die Luft zu starren.
Keine Politik!
Kein Gedanke an den Krieg!
Nicht einen Augenblick darüber nachdenken müssen, wie man welchen Schachzug als nächstes vollführte und darauf aus war, das zu erfahren, was unser Gegner als nächstes plante.
Ich lachte erneut und schlug Balduin auf die Schulter, als er auf mich zu kam, das Gesicht freudig verzogen und die Hände gewaschen, in dem kleinen See, der schillernd in mitten der Oase lag und unseren Männern und Pferden die Erholung verlieh, die sie benötigten.
„Und du hast gesagt, es wäre eine Narretei, diesen Krieg zu führen.“
„Ich stehe immer noch zu meinem Wort“, sagte ich leise und war im geheimen glücklich darüber, dass Balduin scherzend auf mich zu kam und nicht vom Jähzorn geleitet.
„So wie immer.“
„Hat es sich denn gelohnt?“
„Der Kampf? Immer! Gott wollte es und Gott hat über die ungläubigen Hunde gerichtet wie es sich gehört.“
„Und? Hast du Ab Du Re gefasst?“
„Ich weiß es nicht. Er soll sich wie ein feiger Hund hinter seinen Truppen versteckt haben und als wir durch die Reihen brachen, soll er Reißaus genommen haben, wie ein Köter, dem man einen Knochen um den Schwanz gebunden hat, damit andere floh zerfressenen Viecher ihn verfolgen.“
„Dann hast du deinem Vater heute alle Ehre gemacht.“
Stolz schwoll die Brust Balduins an, als er mich das sagen hörte und seine Hand legte sich freundschaftlich auf meine Schulter, nachdem er mich auf ein Zelt zugeführt hatte, dass aus roten, Schattenspendenden Tuch bestand. Das Feuer, dass vor der Öffnung brannte, zuckte über die Gesichter der Ritter, die ihr Helme abgenommen hatten und ihre Schwerter neben sich gelegt hatten.
„Sicherlich. Vor allem aber, habe ich Hanife gezeigt, dass ich würdig bin, ihr Mann zu werden.“
„Was würde Ab Du Re dazu sagen?“
„Ihn würde ich hängen lassen“, Balduin grinste.
„Und was würde Hanife dazu sagen?“
„Sie ist ein Weib, Marco, sie muss den lieben, der sich ihrer zugehörig fühlt.“
„Wo sind die guten Manieren geblieben?“ Fragte ich mehr mich, als Balduin.
„Bist du wieder in deinem Trübsal gefangen?“
„Ich vermute“, antwortete ich, als ich die Freude verfliegen spürte, die in mir nach dem Sieg gesessen hatte. Nun, wo ich da stand ,vor dem Eingang des Zeltes, den weichen Geruch fremdartigen Parfüms roch und in ein geräumigen, breiten Raum schaute, der ausgelegt war mit seidenen Teppichen und einem Bett, so wie Schrank und Truhe, spürte ich die Müdigkeit in mir.
Ich wollte nur noch schlafen und der freundschaftliche Schlag auf die Schulter, den Balduin mir verpasste ließ mich kantig lächeln. Zu ihm schauen und in seinen Augen einen Schalk erkennen, der mich neugierig machte.
„Was hast du? Es ist doch nicht nur die Freude über den Sieg und der angenehme Gottesdienst den du besucht hast, oder?
„So wohl als auch“, sagte Balduin und zeigte auf den hinteren Teil des Zeltes, dorthin, wo das Licht des Feuers kaum hin drang und nur gedämpft die Schatten vertrieb, die sich vor uns ausbreiteten. Der angenehme, sandige Wind, der angefangen hatte zu wehen, als die Sonne anfing am Horizont unterzugehen und die Schreie der Verwundeten leiser wurden, ließ mich kurz die Augen schließen und das Gefühl verschwinden, überhitzt zu sein.
Als ich die Augen wieder öffnete, zu Balduin schaute, schob dieser mich in das Zelt hinein und sagte: „Schau dir an, was ich dort gefunden habe. Weist du, wo wir uns befinden?“
„In einem Zelt“, sagte ich mit einem hintergründigen Lächeln und erkannte ein kleines, aus drei Fächern bestehenden Regal, auf dem ich eine Kette funkeln sah, die geformt war wie ein Halbmond, auf dessen obersten Krümmung ein Stern saß. Die goldene Kette lag feinsäuberlich auf dem Brett des Regals und die kleine Karaffe, die gefüllt war mit Wein, war verzieht mit einzelnen, fein gemalten Strichen, die etwas in altertümlicher, mir fremder Schrift erzählten.
„Und? Was soll ich sehen? Muslimische Glaubensstücke.“
„Schau genau hin!“
„Sag es mir doch einfach!“
„Nimm den Teppich, der im untersten Regal liegt“, flüsterte Balduin erregt und seine Stimme klang heiser, als er sich zu mir drehte, nach der Karaffe griff und einen kleinen Schluck aus dem Gefäß nahm.
Ein Frevel, wie viele Gläubige gefunden hätten. Mir hingegen war es egal. Sollte Balduin doch machen was er wollte, alles im Lager gehörte ihm und er war der Herr über die Gegenstände, die sich vor ihm ausbreiteten.
Nur langsam kam ich der Aufforderung Balduins nach und als ich den schweren, aus dicken Soff bestehenden Teppich in Händen hielt, schaute ich fragend zu meinem König und leise kicherte und sagte: „Falte ihn mal aus. Du wirst dich wundern.“
„Wenn du meinst“, ich verzog das Gesicht leicht und rollte das heidnische Symbol der Gotteshuldigung an und zog erstaunt die Luft durch die Nase ein. Mein Herz fing an schneller zu schlagen und als ich einen Schritt zurück machte, und gegen das Regal stieß, kicherte Balduin lauter und schlug sich auf die Oberschenkel.
„Ist das nicht toll. Der fliegende Adler, sitzt auf meiner Hand.“
„Das ist der Gebetsteppich von Ab Du Re!“
„Faszinierend nicht wahr? Ich habe ihm alles genommen, was er besaß. Seine Männer, seine Ehre und seinen Glauben!“
„Ein wahrhaftiger Sieg“, sagte ich spöttisch und stieg über den Teppich hinweg, dem Ausgang entgegen. Die Luft schien mit plötzlich schlecht zu sein und das überhebliche Grinsen, welches Balduin im Gesicht saß, steigerte das Verlangen in mir, ihm einmal kräftig in das Gesicht zu schlagen.
Ich schnaufte leise, als ich seine Hand spürte, die sich mir auf die Schulter legte und als ich ihn in die Augen blickte, fragte er verwundert: „Was habe ich dir nur getan?“
„Ich will mit dem ganzen nichts mehr zu tun haben. Ist das zu viel verlangt?“
„Du verweigerst dich mir?“
„Nein. Nur deinem Streben nach Macht!“
„Ich führe Gott dorthin, wo er sich ausbreiten will.“
„Dann erfreue dich an diesen Kleinoden und benachrichtige mich, wenn du wieder in Akkon bist und nicht mehr betrunken von deiner Gier und nicht mehr berauscht von dem Blut, welches an deinen Händen klebt.“
„Geht doch!“ Rief Balduin, in dessen Augen es funkelte, als er die Hände in die Hüfte stemmte und seine Stimme erhob: „Und bleib wo du bleiben willst! Ich brauche dich nicht. Niemals brauche ich deine immer nörgelnde Art. Verschwinde und hoffe darauf, dass du niemals wieder unter meine Augen trittst!“
Ich hörte den schnell gesprochenen Worten kaum zu. Sie trafen mich zwar, ließen mich kurz zögern, und mich überlegen wieder umzudrehen, um Balduin den erhitzten Kopf zu waschen. Doch als ich das letzte hörte, was er mir zurief, ließ ich ihn dort stehen. Ich wollte nichts mehr mit ihm und diesen Schlachten zu tun haben.
Es gab etwas anderes, was mich lockte.
Eine Unruhe, die mich durch das hastig erbaute Lager gehen, und in mir die Hoffnung wachsen ließ, die dunkle Gestalt noch einmal zu sehen. Wenigstens für einen Augenblick, damit sie weiter reden konnte, von dem still werdenden Leben, nach dem ich trachtete. Das ich mir wünschte.
Das mich endlich befreite von einer Last, die ich erhalten hatte, als ich das Licht der Welt erblickte und nicht sagen konnte, was mit mir geschehen sollte.
Nur einmal das sanfte Klingen der Stimme hören und nicht mehr das raue Lachen der Männer, die den Kampf überlebt hatten und sich nun gütlich taten an Braten, an Wein und Bier. Ich seufzte leise, als ich Gampanie sah, wie er auf mich zu kam, mich anschaute und seine Hände aus den ledernen Handschuhen schälte, die vorhin noch mit Blut und Haut bedeckt waren.
Sein eckiges Gesicht zuckte und die breit geschwollene Heldenbrust ließ mich zu Boden schauen und mit dem Sand spielen, der vor meinen Füßen lag.
„Wie mir scheint, Vivolie, haben Eure sehr vorsichtige Worte keinerlei Grund gehabt, Euren Mund zu verlassen.“
„Geht.“
„So ein schlechter Verlierer?“ Höhnte und lächelte er kantig.
„Ich will nicht mir Euch sprechen, Gampanie“, sagte ich und versuchte mich an dem Führer der Tempelritter vorbei zu schieben. Es war mir unangenehm, ihn anzusehen. Ich konnte seinen stechenden Blicken nicht lange widerstehen und als ich mich an ihm vorbei schob, ihn anrempelte, lachte er leise und drehte sich herum.
„Wo wollt Ihr hin, Vivolie? Hinaus in die Nacht? Zu den geschlagenen Hunden, die ihre Niederlage beweinen und nicht wissen, wie sie die nächsten Tage überleben sollen?“
„Ich gehe dorthin, wo kein Mann nach Tod und Niedertracht stinkt.“
„Dann wollt Ihr sterben?“
„Wenn ich Gott gegenüber treten sollte, Gampanie, werde ich nicht von Euch grüßen.“
„Sicherlich, den die Wege zum Herren sind nur denen vorbestimmt, die sich ihren Aufgaben stellen und nicht denen, die davon laufen, wenn ungläubige ihr Leben verlieren und Gläubige es geben, damit es der Welt besser geht.“
„Warum seid Ihr dann nicht gestorben?“ Fragte ich ihn mit einem breiten Grinsen und als ich weg ging, war es mir eine Genugtuung zu sehen, wie sich das Gesicht des Tempelführers verdunkelte. Er den Zorn nicht zurückhalten konnte, der ihn erfasste und mit dem Fuß aufstampfen ließ.
Er rief etwas und ich ignorierte es.
Dafür keuchte ich leicht, als ich den seichten Griff nach meinen Gedanken fühlte. Der mich blinzeln ließ und darauf warten ließ, die Worte zu hören, die sich langsam in meinen Geist schoben. Die mich schlucken ließen, als der kalte Schauer über meinen Rücken wanderte und mich begrüßte, mit einem traurigen, bitteren Unterton, der mir das Herz schwer werden ließ.
Hat dein Gott dir doch geholfen, diesen Krieg zu beenden.
„Er war gnädig in seiner Art und grausam in seinem Handeln.“
Nun wird es Zeit, dass wir uns einmal von Angesicht zu Angesicht sehen, oder was meinst du?
„Nichts lieber als das!“
Dann komm, nicht weit von der Oase, sitze ich auf meinem Pferd und warte darauf, dass du endlich deinen Weg zu mir findest.
„Du willst meinen Kopf?“ Fragte ich leise und umfasste mein Schwert, welches mir einer der Soldaten gegeben hatte, nachdem das Schlachtfeld abgesucht worden war, nach Verwundeten und Toten.
Vielleicht.
„Diesen wirst du dir bitterlich erkämpfen müssen.“
Ich war enttäuscht darüber, dass ich einen weiteren Kampf ausfechten musste, wenn meine Vermutungen stimmten. Und wie blind war ich gewesen, als mit der, der so ähnlich war wie ich, davon sprach, mir Ruhe geben zu können.
Natürlich würde ich ruhen, ohne Kopf, nicht mehr fähig, das Leben zu genießen, welches sich seit so langer Zeit vor meinen Füßen ausbreitete, dass ich längst aufgehört hatte, die Jahre zu zählen, die mir vom lieben Gott geschenkt worden waren.
Komm doch erst einmal zu der Oase, da werden wir miteinander sprechen können.
„Gut“, flüsterte ich: „auch wenn dieses kein heiliger Boden ist, so werden hier die Waffen ruhen.“
Wenn du es sagst.
Hohn uns Spott mischte sich in die Stimme der Person, die wirklich hinter der Oase wartete. Eingehüllt von den Schatten der Nacht. Aufrecht sitzend auf dem Pferd, welches ich vorhin schon einmal bewundert hatte. Ruhig stand es da. Trug seinen Herren und tänzelte nicht, als ich die Blätter der Dattelpalmen beiseite schob, und leichtfüßig weiter ging. Auf die Gestalt zu, die weiterhin unbewegt im Sattel saß und mich mit Blicken musterte, die ich deutlich spürte.
Sie suchten nach einem versteckten Hinterhalt und fanden keinen. Denn das aufrechte sitzen der Person ließ nach, als ich bis auf zehn Schritt heran war. Es sah aus, als ob die Person müde war, von dem langen Ritt, dem heutigen Tag und den Ereignissen, die hinter uns lagen.
Als ich weitere vier Schritte heran war, meine Hände nach außen drehte, um zu zeigen, dass ich keine Waffe bei mir hatte, wehte mir eine liebliche, weiche, abgedämpfte Stimme entgegen, die hinter einem schwarzen Tuch aufklang, das den Mund bedeckte: „Es ist selten jemanden zu treffen, der ist wie ich, ohne dass ihm danach trachtet, meinen doch ausgesprochen hübschen Kopf vom Hals zu trennen, der ebenso verführerisch gewachsen ist, wie die Lippen meines Mundes.“
„Nur diese Lippen?“ Fragte ich spöttisch und wunderte mich darüber, dass ich keinem Mann, sondern einer Frau gegenüber zu stehen schien, die sich auf dem Rücken des Rappen befand, der nun leicht zu tänzeln begann, als ich meine Hand auf das Zaumzeug legte.
„Ihr werdet Euch von anderen Tatsachen sicherlich noch überzeugen können.“
„Ich bin begiert darauf“, lächelte ich und fühlte mich sicher. Das Lärmen des Lagers verhallte in der Nacht und der Wunsch, der Frau in die Augen zu schauen, war so groß, dass ich mich dazu hinreißen ließ, zu fragen: „Seid Ihr nicht dazu bereit, mir Euer Gesicht zu zeigen?“
„Dieses kann nur aus dem Mund eines ungläubigen kommen.“
„Ich bin es gerne und meine Neugier steigert sich von Minute zu Minute.“
„Passt lieber auf, dass diese, doch sehr unangebrachte Eigenschaft, Euch nicht eines Tages den Kopf kosten wird.“
„Ich trage ihn schon lange und ich habe vor, ihn auch noch länger zu behalten.“
„Dann habt Ihr die gleichen Absichten wie ich.“
„Und? Wer seit Ihr?“
Ein leises Kichern ertönte und mein Gesicht erstarrte. Ich spürte einen eisigen Schauer, der über meinen Rücken kroch und als mein Herz langsam anfing sich zu beruhigen, war ich gut drei Schritt zurückgetaumelt. Immer noch ungläubig, dass verstanden zu haben, was ich glaubte gehört zu haben.
„Ich bin Hanife, die Schwester des Ab Du Res!“

*

Mit einem seidigen Lächeln schaute ich den warmen, auf mich zu rollenden Wellen zu, die Hanife auf die Reise geschickt hatte, indem sie ihre Hände durch das Wasser zog und dieses mir entgegen trieb. Der weiche, balsamartige Geruch, der in der Luft lag, betörte meine Sinne und ließ die hübsche Schwester Ab Du Res noch schöner wirken. Ihre kleine, gerade Nase, dazu der kleine, braune Leberfleck, der sich an ihrem linken Mundwinkel befand, ließ sie natürlich wirken und der braune Glanz in ihren Augen leuchtete verführerisch. Die zarten Augenbrauen, die feinsäuberlich gezupft waren, hatte sie zur Nasenwurzel gezogen, als sie mein zufriedenes Seufzen hörte.
Meine Arme lagen auf dem Rand der Wanne, die aus Porzellan bestand und bis zur Hälfte mit dampfend, warmen Wasser gefüllt war, auf dessen schaumiger Oberfläche hier und dort kleine Duftblüten schwammen.
„Das gefällt dir, was?“
„Ja“, nickte ich: „An so ein Leben könnte ich mich gewöhnen.“
„Dann tu es“, lächelte sie mich an.
Meine Mine verdunkelte sich und als ich mich aufsetzte, den Schaum spürte, wie er kitzelnd über meine Haut zog, sah ich, dass Hanife krampfhaft darum bemüht war, ihre gespielte Sicherheit aufrecht zu erhalten.
Sie hatte ein Thema angesprochen, über welches wir schon seit drei Tagen stritten.
Ich, der immer Wandernde, wollte nicht hier bleiben, an dem Hof des Scheichs, der einen Krieg gegen Balduin plante, der die stark dezimierten Kreuzritter ein für alle mal aus den Land jagen sollte.
„Du weißt, wie ich dazu stehe.“
„Aber warum? Ich kann es nicht verstehen, dass du das Leben im Luxus nicht leben möchtest. Alles würde ich dir geben.“
„Ich weiß.“
„Dann bleib.“
„Warum kommst du nicht mit?“ Fragte ich sie offen und spürte eine leichte Hoffnung in mir aufsteigen, die mich zuerst verwunderte, dann bestärkte in meinem Drängen, dass Hanife ihre Wurzeln endlich vergaß und mit mir kam, auf eine Reise durch das immer weitergehende Leben: „Wir könnten so viel erleben.“
„Möchtest du nicht der Herr über ein Königreich sein?“
„Ein König? Ich? Nein“, ich schüttelte den Kopf und lachte unecht: „Ich würde alles darum geben, um niemals dieses Amt zu führen. Nein, Hanife, ich bin ein Wanderer, einer, der sich nur wohl fühlt, wenn die Sonne über seinem Kopf scheint und weiß, dass er in der nächsten Zeit wieder reiten darf.“
„Das dürfest du hier auch“, lächelte sie und kam auf mich zu gekrochen. Sie schob das leichte Wasser vor sich her und ihre kleinen, apfelrunden Brüste waren bedeckt von weißen Schaumkronen. Ihr Lächeln strahlte, und als ihre schmalen Hände meine Brust berührten, durch die Haare kraulten, die dort wuchsen, spürte ich das Verlangen in mir, Hanife anzufassen. Sie zu berühren und zu küssen. Erneut den Akt der Liebe mit ihr zu vollziehen- so, wie wir es die letzten Tage immer wieder taten.
„Aber das ist ein anderes Reiten, als ich meine.“
„Schuft“, lachte sie leise: „Mein Körper ist zu alt für dich.“
„Meiner ist ebenso alt, wenn nicht älter.“
„Aber ich bin faltig.“
„Wo?“ Fragte ich und ließ meine Hand unter das Wasser tauchen, ihrem Oberschenkel entgegen, der straff war, von dem vielen Reiten und dem immer wehrenden Kampf zwischen den Unsterblichen. Sie lächelte, als meine Hand in ihren Schambereich vordrang, mit den kleinen, festen Löckchen spielte, die ihr weibliches Dreieck bedeckten. Ihre Augen schlossen sich und das genießerische Stöhnen, welches sie ausstieß, ließ mich weiter spielen.
Bis sie die Augen öffnete, mir die Haare aus der Brust zog und ein ärgerliches Gesicht machte.
„Dafür bin ich dir gut genug!“
„Wofür?“
„Mich willst du begehren, aber das Leben, welches ich führe, möchtest du nicht mit mir teilen!“
„Hanife...“
„Hör mir auf, Marco“, zischte sie: „das alles ist für dich nur ein Spiel. Du willst nicht mehr als ein kleines Spielzeug in deiner Hand, dass du versetzten kannst, nach deinem Willen, aber das lasse ich nicht mit mir machen!“
„Hanife... Bitte.“
„Ich habe schon verstanden“, ich spürte, wie sie anfing den mentalen Druck aufzubauen, mit dem sie es geschafft hatte, ihre Gedanken über das Schlachtfeld zu tragen, in meinen Kopf einzunisten und mich mit einer Neugier zu bedecken, die mich aus den Reihen Balduins brach und mich in ihre Arme führte.
Ich schaute sie entgeistert an.
„Wie machst du das?“
„Es ist ganz einfach“, sie schnippte mit den Fingern: „Einfach so. Aber gehe. Verlasse mich und bleibe ein Unsterblicher, der nicht weiß, wie er sich verbessern kann. Der nicht dazu in der Lage ist, seine Umwelt so zu formen, wie er es möchte.“
„Du kannst deine Umgebung verändern?“
Habe ich dich nicht hier her, in mein kleinen Palast gebracht?
„Hör auf damit!“
Womit?
Sie grinste und es machte ihr Spaß mich zu sehen, wie ich die Augen zusammenkniff und mit aller Macht versuchte, ihre Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben. Ich keuchte leise und als sie sich auf mich setzte, ihre Brüste vor meinen Mund schob, damit ihre kleinen, braunen Nippel mit den Lippen berühren konnte, griff sie in meine Haare. Drückte meinen Kopf leicht nach hinten und flüsterte: „Du magst es nicht, nicht wahr? Warum nur? Was bist du doch für ein Vagabund, der nicht einmal weiß, wozu wir alles in der Lage sind. Wir könnten soviel bewegen und verändern. Meinen Bruder überleben und die Macht des Landes an uns reißen.“
„Was willst du mit einem Land, das im Krieg liegt?“
„Es aufbauen! Es beherrschen! Es an den Platz führen, wohin es gehört!“
„Lass es so wie es ist. Die Deppen schlagen sich schon kurz und klein.“
„Warum so unbekümmert?“ Wollte Hanife wissen, die ihr Becken gegen meine Lenden drückte und ich mich nicht dagegen wehren konnte, dass meine Männlichkeit kurz davor stand, sich zu entfachen: „Du solltest versuchen dich mehr zu engagieren. Du lässt so viele Möglichkeiten an dir vorbei streichen.“
„Es werden noch mehr Chancen kommen.“
„Es wird immer schwerer, umso länger du wartest“, hielt sie mit flüsternd entgegen: „Ich bin in einer Position, die mich zur Kalifen machen kann. Wenn mein törichter Bruder endlich seinen Tod finden würde.“
„Dein Bruder?“ Fragte ich schmunzelnd und fühlte mich erheitert, als ich daran dachte, wie Hanife mir am ersten Abend, als wir auf einem Tuch saßen und uns langsam abtasteten und versuchten herauszufinden, ob der, der uns gegenüber saß, wirklich nicht gefährlich war, erzählte, wer sie wirklich war.
„Was soll das? Ich mag das nicht, wenn man mich daran erinnert, wie alt ich bin.“
„Aber er ist nur ein Neffe, und das in der x-ten Form des Urs.“
„Hör auf damit.“
„Womit, alte Frau?“
„Das sagt man nicht“, lachte sie leise und presste sich fester an mich: „Das ist unschick.“
„Mir egal. Ich möchte nur meinen Spaß.“
„Hattest du den nicht erst neulich? Als du mit deinem Schwert durch die Reihen der Feinde marschiert bist und einem nach dem anderen das Leben aus dem Leib geschlagen hast? War das nicht Aufregung genug?“
„Ich meine anderes.“
„Du bist ein triebgesteuertes Ungeheuer. Nein, nimm die Finger da weg.“
„Aber, Hanife“, jammerte ich leise und ärgerte mich leicht darüber, dass sie anfing mit ihren Reizen zu spielen. Das sie sich aufbäumte gegen meine Wollust, die ich spürte und unbedingt befriedigt sehen wollte.
„Erst, wenn du dich für mich entscheidest.“
„Warum verstehst du es nicht...“
„Warum möchtest du nicht das lernen, was die Götter uns gegeben haben. Es ist so viel mehr, als nur das ewige Leben.“
„Ich möchte nichts mit deiner Hexenkunst zu tun haben.“
„Aber meinen Körper begehren, dass kannst du“, schimpfte sie und rutschte von mir. Ihre Augen funkelten und als sie die Arme vor der Brust verschränkte, lächelte ich leicht und seufzte verliebt.
„So war das nicht gemeint.“
„Warum versuchst du dann nicht einmal, deine geistigen Kräfte zu nutzen?“
„Weil mir das reicht, was ich habe.“
„Dann bist du ein armer Wicht.“
„Mag sein, aber ich fühle mich wohl so wie ich bin.“
„Deine Unsterblichkeit hätte so viel mehr zu sagen.“
Ich schüttelte leicht den Kopf und erhob mich, ohne den Scham, dass Hanife etwas an mir sehen könnte, was sie anrüchig berührte. Sie schmunzelte, als sie mir auf die Lenden schaute und sich streckte, mit der linken Hand über ihren Unterarm glitt. Sie zog die Augenbrauen hoch, nachdem ich aus der Wanne gestiegen war und nach einem weichen, mir fremd wirkenden Handtuch griff, dass die Nässe von meinem Körper vertrieb.
„Warum nach mehr streben, wenn man schon alles hat?“
„Das ist es ja“, meinte Hanife mit säuselnder, liebreizender Stimme, die mir einen Schauer über den Rücken jagte und mich für einen kurzen Augenblick überlegen ließ, ob ich nicht doch endlich Wurzeln schlagen sollte, um ein ruhiges und bedachtes, wie auch beschütztes, Leben mit ihr zu führen: „man wird nie genug haben!“
„Dann tust du mir leid“, das Handtuch glitt über meinen Körper und als ich die Stelle berührte, an der mich das Schwert verletzt hatte, seufzte ich und wünschte mir, in einer Welt leben zu können, in der mein Handeln nicht aus töten und morden bestand. Das ich das machen konnte, was ich wollte, ohne die Konsequenzen meines Tun abwägen zu müssen.
„Du bist der arme Tropf, da du nicht weißt, was du willst.“
„Ich weiß so viel, dass ich nicht weiß wohin mit meinem Wissen.“
„Aufschneider!“
„Gelegentlich“, ich zog die Augenbraue hoch und genoss es, als Hanife sich aus der Wanne erhob, mich schmunzelnd anschaute und mir einen Blick auf ihren Körper gewährte, von dem mehrere Männer träumten. Die nicht wussten, was ihnen entging, als ich da stand, das Handtuch in der Hand, die Blicke auf ihren schlanken Bauch gerichtete und in Erinnerungen versunken, die sich mit der letzten Nacht beschäftigten.
„Ich will dir nur eins zeigen, wenn ich darf.“
„Worum geht es?“
„Du wirst es gleich sehen, wenn wir uns in meine Gemächer begeben.“
„Deine Gemächer hören sich gut an.“
„Es wird mehr sein, als körperliche Lust, die ich dir abverlangen will.“
„Was ist es?“
Ich ging, während ich sprach, auf den kleinen Hocker zu, der neben einer großen, runden Truhe stand, in die man seine Kleidung warf, die gewaschen werden sollte, und griff nach meiner Hose. Ebenso nach meinem Hemd, dass frisch und gereinigt roch. Es war mit Lavendel besprüht worden und als ich es über den Kopf zog, holte ich tief Luft.
„Du sollst sehen, wozu wir fähig sind.“
„Du kannst über die Gedanken sprechen, was gibt es noch zu sehen?“
„Du wirst es sehen, mein Schatz“, sagte sie und ging an mir vorbei, strich mit der Hand über mein Gesicht und hauchte mir einen weichen Kuss auf die Lippen. Ihr Körper roch verführerisch und als ihr weicher Atem mir ins Gesicht blies, schnappte ich nach ihrer Nase und hörte sie erleichtert kichern: „Wir haben so viele Möglichkeiten.“
„Dann zeig sie mir, bitte.“
„Wie kommt es?“ Fragte sie, während wir durch den Palast schritten, durch schmale Gänge schlüpften und uns vor den Dienern Ab Du Res versteckten, die uns eilig entgegen kamen und wichtige Tätigkeiten vollführten: „Das du dich niemals mit dir und deinem Können auseinandergesetzt hast? Hast du nie gespürt, dass es mehr in dir gibt, als nur die Unsterblichkeit?“
„Ich fühle, wenn andere Unsterbliche mir begegnen. Ich verfüge über eine schnelle Auffassungsgabe und wenn ich einmal etwas gesehen habe, vergesse ich nicht. Ebenso brennen sich Gesichter schnell in meine Erinnerung.“
„So wie bei mir.“
„Und ich kann kämpfen.“
„Ich auch.“
„Na, dass habe ich nicht gesehen, auf dem Schlachtfeld“, meinte ich mit trauriger Stimme und strich mit der Hand über die persischen Teppiche, die an den Wänden des sich langsam verbreiternden Ganges hingen und Motive vergangener- besserer- Tage zeigte. Ich fühlte mich mit einmal schlecht und der Gedanke an Balduin, ließ mein Herz schwer werden.
„Ich brauchte meine Muskeln nicht spielen zu lassen, Marco. Aber lass uns nicht an die Vergangenheit denken, sondern an die Zukunft glauben.“
„Gerne“, war meine Antwort, die ich mit einem zynischen Unterton versah, der mir einen kritischen Blick Hanifes einbrachte. Sie mochte es nicht, wenn ich sie nicht ernst nahm und als wir in ihrem Zimmer standen, die Sonne sahen, die am Himmel stand und eine angenehme Wärme durch das Rundfenster fluten ließ, seufzte ich und lachte, als Hanife die Tür hinter mir schloss und den Schlüssel, der im Schloss steckte, einmal drehte.
„Willst du mich gefangen nehmen?“
„Ich will dir zeigen, wozu wir fähig sein können.“
„Na, dann mal los!“
„Komm her“, sagte sie, während sie zum Fenster ging, auf einen Diener, mir Turban und weißen, weiten Kleidern zeigte, der eiligst über den Hof schritt: „Siehst du ihn?“
„Natürlich. Ist nicht schwer, er ist zurzeit der einzige.“
„Wir unsterblichen können ihn beeinflussen und unseren Willen aufzwingen. Mit einem einfachen, kleinen Gedankenbefehl.“
„Klar!“
„Sieh!“
Das hübsche Gesicht Hanifes veränderte sich. Die weichen, warmen Konturen erhärteten und als sie die Fingerspitzen an ihre Schläfe legte, die Augen schloss und leise zu summen begann, lief es mir kalt den Rücken herunter. Ein eisiger Hauch griff nach mir und als ich meine Blick in den Hof herunter lenkte, der gesäumt war von weißen, marmornen Säulen und einem kleinen, rund angelegten Springbrunnen, in dessen Mitte sich eine nackt rekelnde Frau befand, glaubte ich, meinen Verstand zu verlieren.
Das, was Hanife mir zeigte, wollte und konnte ich nicht glauben.
Nicht nur, dass der Mann, der über den Hof eilte, abrupt stehen blieb, wie steif wirkte und das, was er in Händen hielt, fallen ließ, veränderte sich auch Hanife. Feine, kleine Schweißperlen legten sich auf ihre Stirn. Ihre Lippen zuckten und als ihre Hände zu krampfen begannen, löste sich ein tiefes Ächzen aus ihrer Brust.
Sie stand wie versteinert da und als sie die Augen öffnet, die Hand vom Körper spreize, den Zeigefinger hervorstreckte und auf den Mann zeigte ,rief sie: „Hier!“
Wie vom Donner gerührt fiel der Mann zu Boden. Kurz zuckte er noch und als ich die sich verfärbende, weiße Tunika erblickte, die in der Höhe seiner Brust rötlich zu schimmern begann, schnürte es mir den Hals zu.
„Das... das hast du nicht getan.“
„Doch“, nickte sie und lächelte leicht. Nur, dass es mir in diesem Augenblick nicht herzlich oder wohlwollend vorkam, sondern kalt und berechnend. Sie hatte sich verändert und das Bild, welches ich von ihr bekam, ließ mich schaudern. Ich wich zurück, wollte nicht mehr auf den Boden blicken, nicht mehr den Toten sehen, um den sich Menschen sammelten, die sich nicht erklären konnte, was gerade passiert war.
Ich wollte raus aus dem Zimmer.
Drehte mich von Hanife weg und schlug gegen die Tür, nach dessen Schlüssel ich griff und keinen vorfand.
Ich wirbelte herum.
Schaute in das kalt lächelte Gesicht meiner Bekanntschaft und schluckte, als ich das herablassende Lächeln erkannte.
„Warum hast du es so eilig, Marco? Hast du nicht gesehen, was ich durch die Kraft meines Geistes alles schaffen kann.“
„Geh weg“, keuchet ich und schaute mich mit hastigen blicken um. Ich wollte nicht, dass sie näher kam. Das sie sich mit mir unterhielt oder versuchte mich von dem zu überzeugen, was sie gerade getan hatte.
„Hab dich nicht so, Marco. Wie kann es sein, dass dich so eine kleine Demonstration meiner Macht dich so aus dem Konzept bringt? Es war erst der Anfang von dem zu was ich fähig bin.“
„Ich will nichts mehr sehen!“
„Warum bist du dann hier her gekommen?“
„Weil... weil ich meine Ruhe finden wollte. Ich wollte es endlich schaffen, zu einem Menschen Vertrauen aufzubauen, ohne dass ich weiß, dass er mir unter den Händen hinweg sterben wird.“
„Du hast ihn gefunden.“
„Nein“, hauchte ich: „Du bist alles, nur nicht dieser eine Mensch.“
„Ich bin wie du. Und du kannst so sein wie ich, wenn du nur willst. Lass dich darauf ein, anders zu sein, als andere. Du lebst und doch bist du nur eine leblose Hülle. Das, was ich kann, macht dich erst zu etwas besonderen.“
„Warum hast du dann deinem Neffen nicht auf dem Schlachtfeld geholfen?“
„Sollte ich? Endlich kann ich den Thorn besteigen, mit einem Mann an meiner Seite!“
„Das ist nicht dein Ernst.“
„Mein voller!“
Ich presste mich gegen die Tür und versuchte heraus zu finden, wie ich es schaffen konnte, von hier zu verschwinden. Mit einem einfachen, waghalsigen Sprung aus dem Fenster wäre es mir ein leichtes gewesen.- Doch diesen Fluchtweg hatte Hanife mir abgeschnitten. Breitbeinig stand sie vor mir und das kurze blinzeln, welches ich bemerkte, ließ mich hoffen, nicht in den Fokus ihrer Macht zu rücken.
Nicht ich!
Dafür aber die hölzerne, mit goldenen Emblemen versehende Kommode. Die auf mich zugerutscht kam. Über den Boden knirschte, den ausgelegten Teppich aufrollte und gegen mich Stieß, als ich den Kopf bei Seite drehte.
Ich konnte mich nicht gegen die plötzlich aufkommende Gewalt wehren. Es war wie verrückt.
Ich spürte meinen Körper, wusste, dass ich ihn einsetzten konnte und hier um mein Leben kämpfen musste, wenn ich den Wunsch Hanifes verweigerte, ihr Mann zu werden.
„Du wirst mir doch zustimmen, dass uns beide, wenn du den Zugang zu deiner Macht gefunden hast, niemand mehr aufhalten kann. Du könntest ein Weltreich neben dem meinen regieren. Wir würden den Menschen ewigen Frieden schenken, mit unserem immer wehrenden Leben!“
„Nein. Das will ich nicht.“
„Warum? Ist es nicht das, was du willst? Den Frieden auf Erden?“
„Du willst den Menschen deinen Frieden aufzwingen und nicht den, den sie haben wollen.“
„Am Boden und doch immer noch so heldenhaft“, sie schnalzte mit der Zunge und zog ihre Augenbrauen kurz empor: „das ist das, was ich an dir liebe und was mich fasziniert, Marco. Du hältst durch. Aber“, sie hob die Hand und die Kommode erhob sich, als ob sie so schwer wäre wie eine Feder in die Luft. Der Schatten fiel über mich und als der Kommode zu Boden krachte, auf ihre schweren Füße aufkam, rollte ich mich zur Seite und spürte den Lufthauch, der mich streifte, wie ein kurzer Kuss.
„Hör auf damit.“
„Wenn du nicht für mich sein willst, wirst du gegen mich sein. Du wirst meinen Kopf haben wollen.“
„Nein, Hanife, dass stimmt nicht.“
„Dann komme mit mir und regiere erst Jerusalem mit mir, um dann den ganzen Kontinent zu unterwerfen. Keiner kann sich gegen uns wehren. Wir sind immer da!“
„Den Krieg, den du verhindern willst, wird viele Menschen töten. Sie werden sich gegen dich erheben und deinen Kopf fordern. Das kannst du nicht wollen.“
„Ich will dich. Ich will Macht!“
„Die hast du doch!“
„Nein. Nur über ein läppisches Leben, welches mich nicht interessiert. Aber mit dir, einem König, könnte die Idee von meinem Reich Wahrheit werden.“
„Niemals!“ Schrie ich, während ich aufstand, mich umschaute und nach einer Waffe Ausschau hielt, mit der ich den Kopf Hanifes fordern konnte .Ich fand keine. An den Wänden hingen Bilder oder Öllampen. Nicht ein Relief oder eine kleine Holztafel, an der zwei gekreuzte Degen oder Krummschwerter hingen und als das Bett sich ruckartig zu bewegen begann, schluckte ich und hechtete nach vorne.
“Hör auf“, sagte ich, als ich vor ihr stand, ihr in die braunen Augen schaute, die leicht leuchteten und den Atem gepresst über die Lippen hauchte. Ich wollte die Hand erheben, sie klatschend in ihr Gesicht niedergehen lassen und darauf hoffen, dass sie wieder zur Vernunft kam. Doch als ich vor ihr stand, sie anschaute, funkelte ein rötlicher Schimmer in ihren Augen und ich spürte, wie ich eine kraft erfasste, die mich zurück schleuderte. Gegen die Wand presste und feien Risse erzeugte, die aussahen wie über die Tapeten laufende Spinnenweben.
„Nein, Marco. Du wirst mir niemals beistehen. Ich hätte es wissen müssen. Es wäre einfacher gewesen, dir den Kopf von den Schultern zu schlagen. Ich aber wollte es versuchen, dich zu überzeugen, mit mir zusammen die Unendlichkeit zu gestalten.
Warum, mein lieber Marco, hast du dich mir verweigert?“
„Lass uns so leben, Hanife. Wir beide zusammen, ohne Gedanken an große Reiche, oder untergehende Kulturen.“
„Das kann ich nicht.“
„Warum?“ Fragte ich, während ich auf dem Boden hockte, meinen Rücken schmerzend spürte und nicht wusste, wie ich aus diesem Dilemma entkommen konnte. Ich war mir sicher, dass Hanife mich töten konnte, wenn sie wollte. Aber jetzt, wo ich vor ihr saß, ihr schönes, ebenmäßiges Gesicht erblickte, in dem sich etwas zuckend regte, wusste ich, dass ich eine Chance erhielt, die ich nutzen wollte.
Ich erhob mich.
Winkelte mein Knie an und stützet die Hand darauf.
Mit einen ächzenden Laut stand ich auf und als ich einen Schritt auf sie zu machte, ließ sie ihre Hände fallen. Sie schaute mich an. Tränen standen ihr auf den Lidern. Sie zuckte leicht und das Wimmern, dass mir entgegen wehte, ließ mich schlucken.
„Du wirst einen anderen finden“, sagte ich und hörte selber aus den Worten heraus, wie lächerlich sie waren. Denn das, was Hanife plante und vorhatte, würde ihr niemals gelingen. Egal, mit wem an ihrer Seite.
„Ich würde dich zum Feind haben“, flüsterte sie: „Und das möchte ich nicht.“
„Dann komm mit mir, hinaus, aus diesem Zimmer und dem Palast. Lassen wir das heilige Land hinter uns. Wir wollen ein neues Leben beginnen.“
„Außerhalb? Nein, dass geht nicht.“
„Du möchtest hier bleiben?“
„Ja.“
„Das ist deine Entscheidung, Hanife. Du wirst sehen, was du davon hast.“
„Davon bin ich überzeugt!“
Mit gesenkten Kopf und einem gebrochenen Herzen, stand Hanife vor mir. Sie schaute zu Boden und die Spannung, die sich aufbaute, konnte ich körperlich spüren. Hanife wollte zum letzten, entscheidenden Schlag ausholen.
Ich verhinderte es, indem meine Faust hervor schnellte, gegen ihr Kinn schlug, und sie benommen zu Boden fiel.

*

Kälte wehte durch mein Herz.
Eisig fühlte sich der Griff meines Schwertes an und der warme, lebende Körper, der vor mir auf dem Boden lag, schien langsam zu gefrieren.
Ich wusste dass ich alles auf den Kopf stellte.
Das ich die Überraschung in dem Gesicht Hanifes verdauen musste und gegen das Gewissen kämpfen musste, dass anfing unruhig durch meinen Geist zu wehen. Es wollte mich daran hindern, dass zu tun, was ich vorhatte.
Doch das, was ich tat, musste getan werden.
Hanife schlug die Augen auf.
Ihre Hand wanderte zu ihrer Stirn und das leise Stöhnen, welches aus ihrem Mund drang, ließ mein Herz erzittern.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich, als ich das Schwert hob: „Aber ich kann dich nicht leben lassen.“
Hanife sagt nichts. Ihre Lippen zuckten und der benebelte Schleier, der in ihren Augen saß, blitzte kurz und ließ sie erkennen.
„Ich weiß“, flüsterte sie.
„Bitte, verzeih mir.“
„Ich werde in dir leben“, versprach sie mir und so, wie sie es sagte, glaubte ich es ihr aufs Wort: „Und du wirst mit meinem Geist verwachsen.“
„Niemals“, zischte ich ließ das Schwert nieder gehen.
Es durchtrennte ihren Hals. Löste den Kopf von ihren Schultern.
Einmal kurz bäumte sich ihr Körper auf.
Das Zucken und Schlagen, welches mich erfasste, als mein Schwert zur Erde sank, ich den Geruch des Blutes wahrnahm, der aus ihrem Körper strömte, ließ mich keuchen. Mich auf die Knie sinken, die in den weichen Sand der Wüste versanken und mir kaum einen Halt verliehen.
Ich spürte es, das Ziehen und Zehren. Das Eindringen ihrer Macht in meinen Körper und die Macht ihrer Gedanken, in meinem Kopf.
Hanifes Leben ging auf mich über.
Der Sand peitschte auf.
Er wirbelte um mich herum und die Blitze, die aus dem Himmel zu mir herab rasten, mich umspielten, wie tanzende Irrlichter, ließ mich schreien. Der Transfer, den ich erlebte, riss mich von den Beinen, Ließ mich rücklings in den Sand fallen und Bilder vor meinen geistigen Auge entstehen, die ich niemals sehen wollte.
Die mir das zeigten, was Hanife einst machte und tat. Die Erinnerungen rasten auf mich zu. Sie krochen in meinen Kopf und als ich windend am Boden lag, brüllte und das Donnern der einschlagenden Blitze hörte, glaubte ich ein weiches, sanftes Lachen zu hören. Es schälte sich heraus, aus den Erinnerungen und den verblassenden Bildern.
Es fraß sich in meinen Geist und als ich da lag, das Wehen des Windes hörte, wusste ich, dass Hanifes Versprechen mich einholte.
Schnell und ohne Erbarmen.
Es traf das ein, was sie gesagt hatte.
Das, was sie die ganze Zeit über geplant hatte.
Die Vereinigung mit mir.
Den Augenblick auszukosten, indem ihre Kraft auf mich überging, ich mich mit dem Verband was sie ausmachte und uns zu einer Person zerschmelzen ließ.
„Nein“, hauchte ich und fühlte den Drang in mir, mich zu erheben. In die Welt hinaus zu blicken, um das zu sehen, was einst mir gehören würde.
Mein Geist, ist dein Geist, flüsterte eine mir bekannte Stimme in meinen Ohren, Wärst du doch bei deinem König und seinen Vasallen geblieben, Marco. Alles wäre einfacher gewesen für dich. Und nun gehe und nimm dir das, was uns zugesteht...
Ich schluckte und vergrub die Hände im Sand.
Hanife hatte gewonnen.
Sie hatte mich überlistet und zu einem ihrer Werkzeuge gemacht...

Ende

Beendet von Thomas Tippner am 08.09.2005 in Hamburg- Bergedorf


Mehr Infos:
http://www.canora-media.de (externer Link!)




Letzte Aktualisierung: 18.06.2017, 17:55 Uhr
(c) Twilightmag 2016
Version: 5.0