Thomas Tippner
Im Kloster

Die Tage waren lang hinter den dicken, alles beschĂŒtzenden Mauern, die den Hof umgaben, in dessen Mitte ein kleiner, eckiger Garten angebracht worden war. Alles mögliche an KrĂ€utern und saftigen GemĂŒse zĂŒchteten und begutachteten die frommen MĂ€nnern, die ihr Leben einer Macht verschrieben, die man nur tief in einem Herzen finden konnte.
Hoch stand die Sonne am Himmel.
Erbarmungslos brannte sie auf den dasitzenden Mann nieder, der sich mit einer flĂŒchtigen Bewegung den Schweiß von der Stirn wischte.
Miguel Gonzales, in den Mauern des Klosters nur Johannes gerufen, richtete die kleinen, von dicklichen Liedern umgebenen Augen zum Himmel und fragte sich nicht zum ersten Mal, warum der Abt des Klosters ausgerechnet ihn aussuchte, fĂŒr eine Unterredung.
Noch nie war Johannes zum Abt gerufen worden. Er hatte sich nichts aus der Hierarchie des Klosters gemacht und den Willen, unter den BrĂŒdern weiter aufzusteigen, hatte er bisher noch nicht gezeigt.
Johannes schĂŒttelte sich leicht, als er sich Ă€chzend auf die Knie setzte, die trockene Erde begutachtete, die er gerade eben mit der Harke bearbeitet hatte. Sie war ausgedörrt, und die ersten Pflanzen ließen ihre runden Köpfe hĂ€ngen. Sie lechzten nach Wasser, so wie Johannes, der ein unangenehmes Kratzen im Hals verspĂŒrte.
Er schob es nicht nur auf die WĂ€rme, die im Innenhof des Klosters zu stehen schien, sondern auf seine NervositĂ€t. Die nach ihm griff, als er einmal kurz zum wolkenlosen, blauen Himmel schaute und gedanklich die letzten Tage vor seinem inneren Auge vorbei ziehen ließ.
Zu schulden hatte er sich nichts kommen lassen.
Die ganze Zeit, seit dem er in Spanien seinen Dienst tat, war er niemandem unangenehm aufgefallen. Er war ein Mensch, der lieber fĂŒr sich alleine war und doch wusste, dass es andere gab, wenn er sich einsam fĂŒhlte. Er brauchte Gesellschaft, nur nicht in den Maßen, wie sie andere verlangten.
Und doch wollte der undurchschaubare, meist schlecht gelaunte, hagere, hochgewachsene Abt mit ihm sprechen.
Miguel atmete schwer aus, als er nach der kleinen, hölzernen Harke griff, um den trockenen, nach Wasser schreienden Boden zu pflĂŒgen. Auf seiner runden, glĂ€nzenden Stirn wuchsen keine Haare mehr.
So wie am Rest seines Körpers!
Alle waren sie ihm ausgefallen, als er in jungen Jahren noch am Hof seiner Eltern lebte und sich an den Kopf fasste und BĂŒschelweise seine damaligen, schwarzen Haare in HĂ€nden hielt. Die schnell herbei gerufenen Medikusse hatten nichts weiter sagen können, als dass sie sich nicht erklĂ€ren konnten, was Johannes passiert war.
„Gehe in die Dienste Gottes“, meinte einer der Medikusse, der sich immer nervös mit der Zunge ĂŒber die Lippen leckte und mit den Fingerkuppen in seinem Bart spielte: „Und versuche so eine ErklĂ€rung zu finden, fĂŒr deine spontane Nacktheit!“
Johannes hatte ehrfĂŒrchtig genickt und als er zu seiner Mutter schaute, die leise geschluchzt hatte, war ihm fast das Herz gebrochen.
So wie in diesem Augenblick!
Als er an sich herab sah, den prĂ€chtigen Bauch erkannte, ĂŒber den sich eine brĂ€unliche Kutte spannte, begann er sich unwohl zu fĂŒhlen. Seine HĂ€nde waren klein und dicklich und spielten weiter mit der Harke, die er zwischen den Fingern hin und her drehte.
Sie erinnerten an WĂŒrmer, wenn er mit ihnen unablĂ€ssig Takte einer selbst ausgedachten Musik, auf die Tischplatte seines Zimmers trommelte oder unbeholfen das Essen aus seiner hölzernen Schale löffelte.
Meistens, wenn er ging oder schneller lief, blĂ€hten sich die Wangen auf; Sahen aus wie Taschen, die mit Kleinigkeiten gefĂŒllt waren und nahmen eine rötliche FĂ€rbung an, die einen seiner MitbrĂŒder einmal spöttisch hatte sagen lassen: „Wenn du lĂ€ufst, Johannes, siehst du aus, wie ein Schwein!“
Wozu die breite, mit großen Löchern versehene Nase ihr ĂŒbriges beitrug.
Die Zunge des Mönches glitt ĂŒber seine Lippen. Sie zog ihre nĂ€ssenden Bahnen und ließen den Mann zu dem kleinen Eingang schauen, der ihn zu dem Abt bringen wĂŒrde. Die NervositĂ€t stieg in ihm und machte ihn leicht fahrig. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren, verlor jegliches GefĂŒhl fĂŒr seine Aufgabe und legte die Harke beiseite. Er atmete schwer, öffnete kurz die Hand und murmelte unverstĂ€ndliche Worte, die eher an einen Fluch, als an ein Gebet erinnerten. Johannes spĂŒrte die weichen Knie, versuchte mit dem harten Schlucken die Trockenheit aus seinem Mund zu vertreiben und machte die HĂ€nde zu einer Faust. Er sehnte sich nach Wasser, welches in dem hölzernen, grob zusammen gesetzten Eimer schwamm, der dicht neben dem Beeten stand.
Seine Finger umklammerten die Kelle, die mit einem BĂŒgel versehen am Rand des Eimers befestigt war und fĂŒhrte das brackig schmeckende Wasser an die Lippen. Er schnaufte, als er den fauligen Geschmack auf der Zunge trug und schĂŒttelte sich, als es ihm warm den Hals entlang rann.
Er leerte die Kelle und tauchte sie noch einmal ein, um einen weiteren Schluck zu trinken.
Irgendwie, dachte er, nur die NervositÀt vertreiben.
Als er sich aufrichtete sah er in der Entfernung zwei BrĂŒder, die langsam und wĂŒrdevoll den steinernen Torbogen durchschritten, der sie in die Messe brachte. Er sehnte sich danach, bei ihnen sein zu dĂŒrfen, um sie zu begleiten zu ihrer Beichte.
Er wollte nicht zum Abt und um dieser Begegnung aus dem Weg zu gehen, wÀre ihm jede Methode Recht gewesen
Johannes seufzte noch einmal und machte dabei den ersten Schritt, der ihm schwer fiel. Der ihm vorkam, als ob seine FĂŒĂŸe in einem Trichter steckten, der gefĂŒllt war, mit langsam aushĂ€rtendem Zement.
Er ĂŒberquerte den Hof, um nach der TĂŒr zu greifen, die niemals geschlossen war. Er brauchte sie nur aufstoßen, hinein treten und die angenehme KĂŒhle genießen, die die dicken Mauern des Klosters abgaben. Er wĂŒnschte sich ein Waschbecken, um sich wenigstens reinigen zu können, bevor er dem hochwohlgeboren begegnete. Dieser Wunsch blieb ihm verwehrt, als er den Korridor entlang schritt, den Blick geradeaus gerichtet hielt und sich nicht fĂŒr die Bilder interessierte die an den WĂ€nden hingen. Ebenso ignorierte er die Statue des heiligen Benedikt, auf dessen Lehren und Kenntnissen dieses Kloster im sĂŒdlichen Teil Spaniens errichtet worden war. Der ihn gĂŒtig anschaute, mit seinem bĂ€rtigen Gesicht und dem leicht schrĂ€g gelegten Kopf. Die HĂ€nde zum Gebet aneinander gelegt, schaute er denen hinterher, die durch den Korridor schritten, an dessen WĂ€nde Fackeln in eisernen Haltern steckten.
Schwer war der Geruch des verbrennenden Wachses und die KĂŒhle, die Johannes spĂŒrte, ließ ihn fĂŒr einen kurzen Augenblick frösteln.
Die GĂ€nsehaut, die auf seinem RĂŒcken saß, dort hinauf und hinab rieselte, verstĂ€rkte sich, als er tief Luft holte. Er atmete schnell aus und krĂŒmmte die Hand zu einer Faust, die er dann laut pochend gegen das Holz der TĂŒr schlagen ließ.
Es dauerte einige Zeit, bis er den Ruf hörte, der hinter der dicken EichentĂŒr aufkam – sich anhörte wie ein leises Bellen, von einem kleinen Hund, der die ZĂ€hne fletschte und die Ohren anlegte.
Johannes schauderte, streckte die Hand nach der Klinke aus und ĂŒberlegte sich, ob er eintreten oder schnell die Flucht ergreifen sollte. Zwischen beiden Möglichkeiten hin und her gerissen, versuchte er fĂŒr sich den besseren Weg zu finden. Und Johannes konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, wie seine Entscheidung aussehen wĂŒrde. Erst als die mahnende, eindringliche Stimme des Abtes zu ihm herĂŒber wehte, drĂŒckte er die Klinke herab, wunderte sich ĂŒber dessen seltsame, ungewohnte KĂ€lte und schob die TĂŒr leicht auf. Er steckte erst den Kopf zwischen den Spalt hindurch und schaute zu dem Mann, der ungeduldig mit den dĂŒnnen Fingern auf der Platte seines Schreibtisches pochte.
„Tretet schon ein, Bruder“, die Stimme schnitt, sie fuhr Johannes in die Knie und ein leichtes zucken durchlief ihn, als er die nachgeschobene Frage hörte: „Oder willst du dort drĂŒben Wurzeln schlagen?“
„NatĂŒrlich nicht“, war die schnelle Antwort des Mönches, der einmal kurz schluckte, sich zwischen TĂŒr und Rahmen in den großen Raum hinein schob und sich darĂŒber Ă€rgerte, dass seine Bewegung so ungeschickt aussah. Kurz verfluchet er seine massige Statur und senkte den Kopf. Er schaute auf seine Zehenspitzen, die sich leicht hoben. Die Sandalen, die er an den FĂŒĂŸen trug, knirschten leicht und die beiden BĂ€nder, mit denen er das Schuhwerk befestigt hatte, schnĂŒrten seine Knöcheln plötzlich ein.
„HochwĂŒrden“, begrĂŒĂŸte er den Abt, senkte kurz den Kopf und schaute den dĂŒrren Mann an. Johannes versuchte nicht auf die eingefallenen Wangen zu starren. Seine blicke suchten in dem dĂŒnnen Gesicht nach einem Punkt, der nichts Markantes oder Ungewöhnliches hatte. Es gelang ihm nicht! Er musste in die stechenden, blauen Augen schauen und Johannes konnte nicht davon ablassen, die andauernd zuckenden Lippen zu betrachten. Die Risse zu bewundern, die ĂŒber die faltige Haut des Mundes glitten und wie kleine GrĂ€ben wirkten.
Johannes schauderte.
Die Augen sind wie SchÀchte, dachte er und war erleichtert, als der Abt auf seine HÀnde schaute, die er auf den Tisch gelegt hatte und ineinander gefaltet hielt.
Wie immer, lag auf den schmalen Lippen kein LĂ€cheln, sondern eine Art Abwertung, die man körperlich spĂŒrte.
Johannes musterte jedes Mal, wenn er ihn sah, den Abt und stellte dabei fest, dass dieser weder etwas vertrauenerweckendes, noch etwas Freundliches besaß.
Er bestand aus KĂ€lte und Johannes schaute mit unverhohlener Neugier auf den Tisch, hinter dem der Abt saß. Und bemerkte dabei ein schwarzes, umgeschlagenes Tuch. Unter diesem schien sich etwas zu befinden, da es sich deutlich wölbte. Ebenso fiel ihm der breite, aufklappbare Schrank auf, hinter dessen TĂŒren, sich ein GemĂ€lde befand, welches sich mit dem Sturz des ersten Erzengels beschĂ€ftigte. Johannes wusste, dass es hier Alkohol gab. Nicht viel, aber dennoch genug, um davon gehört zu haben.
„Schön das du hier bist, Johannes“, meinte der Abt und erhob sich: „Trete doch etwas nĂ€her und geselle dich zu mir. Möchtest du etwas trinken? Einen Wein? Oder lieber ein Bier?“
„Äh“, machte Johannes, der nicht wusste wie er auf diese Situation reagieren sollte: „Bier?“
„Das habe ich mir gedacht“, meinte der Abt: „Denn es ist ja nicht zu ĂŒbersehen, dass du der gegorenen Hefe deine Liebe geschenkt hast.“
Auf diesen kleinen Vorwurf reagierte Johannes nicht, weil der Abt nicht der erste war, der ihn auf seine Körperrundungen ansprach und diese mit dem flĂŒssigen Gold in Verbindung brachte. Den Mönch interessierte es nicht. Er wollte leben und wenn er auf dieser Welt weilte, wollte er wenigstens das genießen, was Gott einem schenkte.
Nach einem kuren Schweigen lÀchelte der Abt. Es wirkte aufgesetzte und passte nicht zu den eckigen Formen des Kopfes.
Schließlich umrundete er den Tisch und streckte Johannes die Hand entgegen. Dieser verstand und kniete sich leicht nieder, um die gestreckten Finger des HochwĂŒrden zu kĂŒssen. Nachdem Johannes seine Lippen auf die Hand des Abtes gepresst hatte, holte dieser aus einem kleinen Wandschrank einen großen Krug hervor, der mit einem kalten Bier gefĂŒllt war.
„Trink es, und setzt dich dabei. Ich möchte dir etwas erzĂ€hlen.“
„Gerne“, sagte der Mönch, griff nach dem Krug und ließ sich auf den gut gepolsterten Stuhl fallen. Johannes nippte genussvoll an dem Bier und schaute zu, wie der Abt zu seinem Platz schlenderte. Dabei legte er die HĂ€nde auf den RĂŒcken, und ließ Johannes daran zweifeln, dass sich sein Abt wieder setzten wollte.
Johannes lauschte der tiefen, wohl klingenden Stimme des Abtes: „Wie Ihr wisst, Bruder, gab es in der Kirche immer wieder Heilige und Propheten, die andere Menschen verehrten. Die Weise waren und den Leuten ihren Kummer nahmen. Schließlich starben diese irgendwann und bekamen GrabstĂ€tten, so wie es ĂŒblich war, nicht wahr?“
„Ja“, bestĂ€tigte Johannes.
„Gut. Denn genau um diese Menschen soll es hier gehen.“
„Was habe ich mit Heiligen zu tun?“ Deutliche VerblĂŒffung stand in den ZĂŒgen des dicklichen Mönches, der sich eine leichte Feuchtigkeitsspur aus dem Gesicht wischte.
„Viel, mein Bruder. Sehr viel sogar.“
„Wirklich?“
„Ja, denn schaut hier her“, der Abt wies mit der Hand auf das Tuch. Johannes spĂŒrte augenblicklich eine seltsame Macht in sich aufsteigen. Erst kribbelte sie nur. Um sich dann zu steigern. Etwas EhrfĂŒrchtiges ergriff ihn. Der Drang, sich auf die Knie fallen zu lassen, war in ihm so stark, dass er gegen diesen kĂ€mpfen musste. Um sich selber abzulenken, nahm er einen schnellen Schluck vom Bier. SchĂŒttelte leicht den Kopf und fluchte innerlich wieder, dass dieses GefĂŒhl nicht verschwand. Er wollte die Hand ausstrecken, das Tuch beiseite schieben und sich das anschauen, was es verbarg. Doch bevor seine Finger zuckten, wurde er zurĂŒck gehalten. Die eben noch angenehm empfundene Stimme des Abtes schnitt auf einmal. Hielt Johannes zurĂŒck, der den HochwĂŒrden aus verwundert drein schauenden Augen anguckte: „Die Finger, lieber Johannes solltest du lieber davon lassen. Es ist nicht gut, sich mit Dingen zu beschĂ€ftigen, die einem ĂŒber den Verstand gehen. Lass mich es lieber machen“, damit griff er nach dem Tuch.
Und der Mönch hielt den Atem an.
Auch wenn es nichts Besonderes war, so fĂŒhlte er doch eine innere Macht, die von dem Gegenstand ausging, den das Tuch nun frei gab. Ein kleiner, nicht zu erkennender Luftzug wehte durch den Raum und ließ Johannes tief seufzen. Der aufkommende Wind griff nach dem Tuch und riss es dem Abt fast aus den HĂ€nden. Dieser hielt es – so wie es aussah – nur mit MĂŒhe fest. Ein Ausdruck wirklicher Überraschung stand in dessen Gesicht. Seine Blicke wanderten von dem Tuch zu den lĂ€nglichen, bleichen Gegenstand, der aufrecht stand und zur Decke zeigte.
Erst als der Abt zu merken schien, dass Johannes ihn unglÀubig anschaute, fasste er sich wieder und versuchte seinem Gesicht den bekannten, harten Ausdruck zu verleihen.
Es gelang dem Abt nicht.
Seine Augen zuckten und seine Lippen waren weiße, farblose Striche, auf denen sich weißlich schimmernder Speichel sammelte und die Angst widerspiegelte die der Mann empfinden musste.
Johannes wunderte sich und traute sich nicht, die Frage offen zu stellen, die durch seinen Kopf zuckte: Was ist es, was den Abt so erschreckt?
Doch bevor er sie stellen konnte, nahm ihn das Gebilde in seinen Bann.
Ein seichter Schein lag um dem bleichen Gegenstand, der etwas Befremdendes ausstrahlte. Der so unnatĂŒrlich wirkte, dass Johannes blinzeln musste, um es genau zu erkennen. Es löste in Johannes das GefĂŒhl von Wohlwollen und Freude aus. Eine von Reinheit begleitete Melodie lag plötzlich in der Luft. Sie schwebte durch den Raum und traf den Mönch mitten ins Herz. Dort, wo eine wohlige WĂ€rme aufstieg.
Johannes keuchte leicht, schaffte es nicht, den Atem unter Kontrolle zu bekommen. Das, was da vor ihm lag, war nicht nur irgendetwas, sondern eine Reliquie!
Ein Gegenstand die ein Heiliger besessen hatte, oder den er in seinem eigenen Körper trug!
So war es in diesem Fall. Er erkannte den Knochen. Wie bleich er da vor ihm lag, die beiden Enden, die sich mit einem anderen KnochenstĂŒck verbanden. Nur zu welchem Körperteil er gehören sollte, konnte Johannes nicht sagen.
Es war ihm in diesem Moment egal. Er wollte sich nur vorbeugen, es mit eigenen Augen betrachten und weiter den Melodien lauschen, die durch den Raum schwebten.
Schwer und behĂ€big klang die Stimme des Abtes, als sie zu Johannes herĂŒber wehte, ihn aus einem schönen Tagtraum riss. Etwas schwerfĂ€llig hob der Mönch den Kopf und schaute zu dem Hochwohlgeboren. Sah, dass sich die Lippen des Mannes bewegten, hörte aber keinerlei Wort. Nichts drang zu ihm durch, außer der weichen Musik, die ihn einnahm, und einen Wunsch in ihm auslöste, den Knochen anzuschauen. Dabei zuckte er gelegentlich, was so aussah, als ob er sich nicht entscheiden konnte, ob er nun zugreifen oder still sitzen bleiben wollte.
Johannes legte den Kopf leicht schief. Wunderte sich darĂŒber, dass er plötzlich eine Stimme hörte. Nicht die harte des Abtes. Sondern eine, die viel reiner, voller Freude zu stecken schien. Sie bildete erst nur einzelne Laute, um diese dann zu ganzen SĂ€tzen zusammen zu setzten.
Das erste was ihn erreichte, war eine Frage, die ihn leicht erschreckte, aber auch mit Freude erfĂŒllte.
Bist du die Reinheit die meines Gleichen sucht?
Johannes konnte nicht darauf antworten. Lauschte den einzelnen KlÀngen; den Höhen und Tiefen, versuchte eine Unausgeglichenheit festzustellen, die er nicht fand. In dieser Stimme gab es nichts, was nicht passte. Hier stimmte alles!
Von dieser Erkenntnis berĂŒhrt ließ sich Johannes in den Stuhl zurĂŒck fallen, lĂ€chelte selig und zufrieden, dass er sich von nichts mehr stören lassen wollte.
Erst als der Abt sich ein zweites oder drittes Mal zu Wort meldete, schob sich die Melodie in den Hintergrund. Was Johannes mit einem bösen Blick quittierte. Denn er wollte alles daran setzten, sie wieder zu hören. Es sollte nicht stumm werden um ihn herum!
Der Abt ließ sich von seinen Vorhaben nicht abhalten und fing an zu sprechen: „Es ist faszinierend, nicht wahr?“
„Ja“, lallte Johannes, der sich darĂŒber wunderte, dass sich dieses eine Wort so schwer tat, ĂŒber seine Lippen zu gleiten.
„Es ist aber auch gefĂ€hrlich. Nur die, die stark im Geiste sind, können diesem Finger wiederstehen.“
„Ein Finger?“ Schwer waren die Gedanken von Johannes. Er blinzelte kurz. Schaute auf den Tisch zu dem Knochen und merkte, wie die Musik langsam zu ihm zurĂŒckkehrte: „Woher wissen Sie das, HochwĂŒrden?“
„Es wurde mir versichert. Und auch die Form und die drei Gelenke, weisen darauf hin, dass es sich hier um den Zeigefinger einer berĂŒhmten Hand handelt. Schau hier“, der Abt streckte seinen Finger aus, und zeigte auf den spitz zulaufenden Teil des Knochens: „Dieses ist die Fingerkuppe.“
„Wenn Sie das meinen.“
„Es ist so. Vertraue mir.“
„Das mache ich“, nickte Johannes. Er fĂŒhlte sich mĂŒde und schwer. Seine Stimme schleppte sich nur noch mĂŒhsam hervor und die Worte die er sprach, meinte er selber nicht zu verstehen: „Aber warum soll ein Finger gefĂ€hrlich sein?“
„Ganz einfach“, flĂŒsterte der Abt: „Es handelt sich um den Judasfinger!“
„J- J- Ju“, es fiel Johannes schwer den Namen des VerrĂ€ters auszusprechen. Es war, als ob eine Blockade in seinem Mund aufgekommen war, die ihm verbat, weiter zu sprechen. Johannes wollte sich dagegen wehren und schaffte es nicht, sich gegen sich selbst zu erheben. Seine Lippen blieben versiegelt.
Er wusste nicht warum, aber das innere GefĂŒhl, etwas falschen zu sagen, ließ ihn schweigen und zu seinem Abt schauen.
„Ja. Es soll der Finger sein, der auf den Sohn unseres Herren zeigte.“
Ein breites Grinsen legte sich auf die Lippen des Abtes, als er die angebliche Überraschung auf dem Gesicht von Johannes erkannte.
„Ist das nicht fantastisch?“
Mein Finger? Ich soll es gewesen sein? Mein Fehler, der meinen Freund ans Kreuz brachte? Was fĂ€llt diesem Hund ein, so ĂŒber mich zu sprechen? Ich war es nicht! Niemals! Und doch ist mein Name fĂŒr alle Ewigkeit mit dieser Geschichte verbunden. Ich, der Judas, der alles verriet!
Johannes schĂŒttelte den Kopf, als er diese Worte hörte. Wie Orkangewalten rauschten sie auf ihn zu. SchĂŒttelten ihn kurz durch, bevor er wieder klar denken konnte.
„Du glaubt es nicht?“
„Ich... ich weiß das nicht“, sagte Johannes ehrlich, der immer noch damit zu kĂ€mpfen hatte, die fremden GefĂŒhle aus seinem Kopf zu streichen.
So ist es gut mein Freund. Du musst zu mir stehen. Verstehst du? Irgendjemand muss mich erhören. Meinen Worten lauschen, damit sie nicht vergessen werden.
„SpĂŒrst du denn nicht die Macht, die der Knochen ausstrahlt. Ich sah es selber, wie du zusammen gezuckt bist, Johannes.“
„Mir ist nicht gut“, stammelte Johannes, der automatisch nach dem Bier griff, es sich an die Lippen setzte und einen krĂ€ftigen Schluck nahm.
„Bleib!“
Bleib!
Hörte er die Wörter, nach dem er sich erheben wollte. Die sich gleich anhörten und doch unterschiedlich betont wurden. WĂ€hrend der Abt ihm einen Befehl geben wollte, kam die Stimme aus seinem Kopf weich und sanft zu ihm herĂŒber. Sie schien fast zu flehen.
Du kannst nicht gehen. Solange meine Tat nicht richtig gestellt ist. Du bist es, der mir helfen kann. Ich muss wieder ich selber werden.
„Wie?“ Fragte Johannes.
„In dem du einfach sitzen bleibst“, antwortete der Abt, der dachte, dass er mit der Frage gemeint war.
Lausche einfach meiner Geschichte.
„Ich will sie nicht hören.“
Warum?
„Du... du bist der Schuldige. Der Verfluchte!“
Nein, jaulte die Stimme in ihm. Die Musik war nun nicht mehr einlullend, sondern eher wie TrompetenstĂ¶ĂŸen. Sie versuchten ihn wach zu rĂŒtteln, ihn irgendwie daran zu hindern, einen klaren Gedanken zu fassen. Hinzu kam, dass der Abt um seinen Tisch herum wanderte. Die Schultern Johannes ergriff und ihn einmal krĂ€ftig durchschĂŒttelte.
„Wovon redest du?“
Verschwommen wirkte der Abt. Seine eckigen Konturen verschoben sich. Sie liefen ineinander ĂŒber. Machten es unmöglich, die Augen zu fixieren. Johannes kniff die Augen zusammen. FĂŒhlte sich wie auf einem Schiff, das sich durch einen hohen Wellengang bewegte. Ihm wurde schlecht.
Nein, Johannes, so einfach wirst du mir nicht davon kommen. Du kannst mich nicht beleidigen. Ich werde bei dir bleiben, immer und ewig. Bis du meinen Worten glaubst. Meine Hand war es nicht, die Jesus opferte!
„Ich will das nicht.“
Du hast dich mir geöffnet. Vergiss das nicht. Du hast meiner Musik gelauscht. Ich bin nun du und du bist nun ich.
„Nein“, hauchte Johannes, der dass alles nicht verstand. Ihm wuchs die Situation ĂŒber den Kopf. Er wollte den Abt beiseite schieben. Mit einem einfachen Schubs, aber das schaffte er nicht und wunderte sich darĂŒber, dass der Abt sich gegen seinen Stoß wehrte. Sich kurz versteifte und Johannes nicht die Möglichkeit gab, die lĂ€stige BerĂŒhrung wegzuwischen, die der Abt auf seinen Oberarm ausĂŒbte. Johannes keuchte erneut. Er schaute aus getrĂŒbten Augen zu dem kantig wirkenden Mann und schluckte leicht, als er sich ĂŒberlegte, ob er seine geballte Faust in das hart dreinblickende Gesicht schlagen sollte.
„Höre auf damit, verdammt. Was fĂ€llt dir eigentlich ein?“
„Der Finger“, stöhnte Johannes leise: „Er muss weg. Decken Sie ihn zu.“
Johannes, dass willst du nicht wirklich. Das kann nicht dein Ernst sein. Verstehe mich doch.
„Das kann ich nicht.“
Ich bin kein VerrÀter!
Der Abt verlor seine Fassung und schlug Johannes ins Gesicht. WĂ€hrend seine Hand in das Gesicht des Mönches niederging, keuchet der Abt und stand zitternd da, wĂ€hrend er zuschaute wie der Kopf des Johannes von der linken auf die rechte Seite flog. Johannes spĂŒrte den Schmerz nicht; Er stierte auf das unmögliche, was vor ihm passierte.
Der Knochen, der eben noch auf dem Tisch gelegen hatte, richtete sich auf. Er stand und drehte sich in die Richtung des Sessels, in dem eigentlich der Abt saß.
Johannes ließ einen klagenden Laut entstehen. Seine Blicke glitten an dem Abt vorbei, der ihn immer noch schĂŒttelte und unverstĂ€ndliche Worte an den Kopf warf. Johannes sah zwar, wie sich die Lippen seines Klostervorstehers bewegten und doch vernahm er nicht ein Wort.
Er meinte verrĂŒckt zu werden.
Nicht nur, dass der Knochen nun stand, er schien sich auch zu verĂ€ndern. Der Schein, der ihn umgab, fing an zu wabern. Er breitete sich aus. Es erinnerte den Mönch an einen morgendlichen Nebel, der ĂŒber den Feldern lag.
„Das kann nicht sein“, kreischte Johannes, als er sah, wie der Knochen anfing sich zu teilen, zu einem zweiten wurde.
Nicht ein Laut war zu hören.
Alles spielte sich in einer unwirklichen Stille ab.
Sogar die Schreie, die der Abt von sich gab, konnte Johannes nicht verstehen. Er sah zwar das wutentstellte Gesicht, aber was es ihm sagte, blieb ihm verborgen. Johannes konnte sich nicht mehr konzentrieren. Seine Sinne vernebelten und als er versuchte sich aufzurichten, hatte er das GefĂŒhl, als ob ihn etwas Fremdes zurĂŒck in den Sessel drĂŒckte.
Die Blicke weiter auf das sich verĂ€ndernde Gebilde gerichtet, erkannte Johannes, wie sich die Knochen verĂ€nderten. Sie schienen weich zu werden. Denn aus den MittelstĂŒcken wuchsen ebenfalls kleine, bleiche Gebilde hervor. SchlĂŒpften und gesellten sich neben den ersten Knochen. Die eben erschienenen StĂŒcken lagen erst nur auf der Platte des Tisches, bewegten sich leicht. Und fingen dann an zu wachsen. Nahmen Konturen an, die man mit viel Einbildungskraft ebenfalls als Fingerknochen beschreiben konnte. Sie richteten sich auf, nachdem sie ausgewachsen waren. Und bildeten bald die Umrisse einer Hand.
Der Schein, der weiter leuchtete, breitete sich aus, wanderte zu einer anderen Stelle des Tisches und fing dort ebenfalls an, eine weitere Hand zu formen. Als die beiden Gebilde standen, so aussahen, als ob sie sich abstĂŒtzten, ging der Prozess der Verwandlung weiter.
Unterarmknochen bildeten sich. Man konnte die Elle und die Speiche erkennen und den Oberarm. Vor den unglÀubig schauenden Augen Johannes entstand ein Mensch!
Ich war es nicht... ich war es nicht... ich nicht!
Hörte er die Stimme wieder. Sie wiederholte die Worte und ließ einen Orkan anschwellen, der dem Mönch zusetzte. Ihm den Schweiß aus den Poren trieb und das Herz zum rasen brachte. Johannes bekam noch einen Schlag ins Gesicht, spĂŒrte den ziehenden Schmerz und richtete sich auf. Erschrocken wich der Abt zurĂŒck. Hob die HĂ€nde und wollte Johannes mit barschen Worten zurĂŒck halten. Dieser fuhr die Hand aus. Packte den Abt bei der Schulter und schob ihn beiseite.
Das Kreischen des Mannes hörte Johannes nicht mehr. Sah auch nicht, wie dieser zu Boden schlug und mit dem Kopf voran aufprallte. Regungslos blieb er liegen.
Die Musik kehrte zurĂŒck. HĂŒllte den Mönch ein, der weiter an seinem Verstand zweifelte.
Ein Gestell erblickte, welches einmal ein Mensch gewesen sein sollte. Die leeren, dunklen Augenhöhlen des Skelettes blickten ihn an. So ausdruckslos, dass dem Mönch ĂŒbel wurde.
Erst wollte er etwas sagen, sich entschuldigen, auf die Knie fallen. Irgendetwas machen, kam aber nicht dazu; Die VerĂ€nderung ging weiter. Haare sprossen aus dem SchĂ€del des Skelettes. Wurden lĂ€nger. Zeigten eine brĂ€unliche, fast schwarze Farbe. Sie hĂŒllten den Kopf ein, der nun an Kontur und Ausdruck gewann. Nicht langsam, rasend schnell hĂŒllte Haut den SchĂ€del ein. Verliehen ihm ein Gesicht, welches weder interessant noch langweilig wirkte. Es gab ein rundes Kinn, dazu einen kleinen Mund. Hohe Wangenknochen, die verborgen wurden, von einem Bart. Die Augen besaßen eine grĂŒnliche Farbe und die Haut schimmerte leicht brĂ€unlich. Sie erinnerte daran, dass dieser Mann, der nun vor Johannes stand, viel der Sonne ausgesetzt war. Die HĂ€nde stĂŒtzten sich auf dem Tisch ab, der schmĂ€chtige Oberkörper war leicht nach vorne gebeugt. Die dunklen Augen fixierten Johannes. Er kam sich klein und unbedeutend vor, duckte sich unter den mahnenden Blicken und fĂŒhlte sich mit einem mal nackt. Derjenige, der vor ihm stand, schien ihm mitten in die Seele schauen zu können.
Nichts regte sich in dem Gesicht des Fremden. Er schaute nur geradeaus. Seine Lippen öffneten sich nicht, als er wieder anfing zu sprechen.
Ich war es, der den Menschen ihren Glauben zurĂŒckgab, als ich auf IHN Zeigte, als der Hahn morgens schrie. Niemand anderes. Mein Verdienst ist es, dass unsere SĂŒnden rein gewaschen wurden und die Welt, wie wir sie kannten, keine weitere Sintflut erlebte.
Ist dieses denn verwerflich?
Johannes kam nicht dazu etwas zu sagen. Die Worte waren zu mĂ€chtig, zu prĂ€gend, um etwas gegen sie sagen zu können. Die Knie des Mönches wurden weich. Er spĂŒrte das Zittern, welches durch sie lief und musste sich am Tisch abstĂŒtzten, kam dem Mann nĂ€her und konnte ihn riechen.
Ein Gedanke an die Sonne stieg in ihm auf. Ebenso der Wille etwas Großes vollbringen zu wollen. Ein Ruck schien durch seinen Körper zu gehen, als er die Augen seines GegenĂŒbers betrachtete.
Du schweigst, Johannes.
„Ja“, nickte er, und hatte das erste Mal seit langem das GefĂŒhl, ordentlich und vernĂŒnftig zu sprechen.
Meine Hand opfert nicht, sie gibt, Johannes. Vergiss das nicht.
Wellen aus Zorn stiegen in Johannes auf. Ob es seine GefĂŒhle waren oder die eines anderen, konnte er nicht sagen. Ihn erfasste eine Wut, die unbedingt gestillt werden wollte. Sie bezog sich auf alles, was um ihn herum war.
Er wollte nicht mehr hier sein!
Johannes mochte den Ort nicht mehr, der ihn so viele Jahre als zu Hause gedient hatte.
Nicht Er hat es verdient, dass wir ihm huldigen. Nein, Johannes, wir beide wissen, wer den wirklichen Dank verdient. Nicht ER hat die Menschheit gerettet. Sonder ich war es! Nicht wahr? Du weißt doch, was das bedeutet, oder?
Sie haben es nicht verdient, dass sie seine BĂŒcher lesen. Seine Taten preisen. Ich war es, der ihre Schuld von ihnen nahm. Meine Hand ist gĂŒtig.
„Was hast du vor?“ Johannes spĂŒrte, dass er vor einer wichtigen Entdeckung zu stehen schien. Das es nicht mehr lange dauerte, bis er an einer VerĂ€nderung teilnahm, die die Welt verĂ€ndern sollte
War es ein Lachen, welches sein GegenĂŒber ausstieß?
Es hörte sich an wie ein Glucksen. Vergleichbar mit einem Stein, der ins Wasser fiel. Ein nicht gerade nett anzuhörender Laut, der trotzdem etwas in sich trug, was Johannes mit dem Wort EndgĂŒltig ĂŒbersetzte. Er wusste nicht was, aber der Gedanke saß plötzlich in seinem Kopf und ließ ihn ein Jucken in den HĂ€nden fĂŒhlen, dass ihn glauben ließ, etwas vollbringen zu wollen.
Dieses Wort wĂ€hlte er nicht von ungefĂ€hr. Es war eine Botschaft fĂŒr ihn selbst. Er wollte und musste endlich zur Tat schreiten. Auch wenn er noch nicht ganz wusste, wie er dieses machen sollte.
Das Gesicht des Mannes verzog sich zu einem Grinsen. Der Bart wich leicht zur Seite und zeigte schiefe, leicht verwachsene ZĂ€hne, die eindeutig darauf hinweisen, dass dieser Mann zu seinen Lebzeiten sich um anderes gekĂŒmmert hatte, als um sein Äußeres.
Und doch besaß dieses Grinsen etwas Gewinnendes.
Es schaffte so zusagen eine BrĂŒcke, ĂŒber die Johannes bereitwillig ging. Nur in welche Richtung sie ihn fĂŒhrte, konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen.
Du heißt nicht umsonst Johannes, mein Freund. Deine Worte sind es, die den Menschen die Augen öffnen.
„Ich bin Johannes“, wiederholte er mit monotoner, klangloser Stimme. Aber etwas in ihm erwachte. Er sah mit einem mal Bilder, die wie gemalt aussahen, und sich doch bewegten. Er konnte deutlich sehen, wie die Menschen zu etwas empor blickten.
Die Sonne, die brennend am Himmel stand, schien auf das Meer, aus dem etwas zu steigen drohte. Der Untergang war dabei zum Leben zu erwachen. Ebenso meinte er das Hufgetrappel von Pferden zu vernehmen, die dabei waren, ĂŒber trockenen Boden zu galoppieren.
Das lautlose Schreien von Menschen sah er deutlich. Die MĂŒnder waren weit aufgerissen, in den Augen stand Panik, die man körperlich spĂŒren konnte.
GezĂŒchte aus den tiefsten Schluchten der menschlichen AlptrĂ€ume waren dabei, ĂŒber eine Welt herzufallen, die es nicht besser verdiente, als vernicht zu werden. Johannes beobachtete das alles mit einer inneren GleichgĂŒltigkeit, die ihn erschreckte, und doch aufleben schien. Er wusste, was das alles bedeutete.
Er meinte am Himmel eine weiße, von goldenem Schein umrahmte Gestalt zu erkennen, die eine lĂ€ngliche, aus Metall bestehende Posaune in HĂ€nden hielt und diese kraftvoll blies. Jedes Mal, wenn sich die weichen Wangen des engelhaften Wesens aufblĂ€hten, erzitterte die Erde und die Menschen wurden noch wilder in ihrer Panik. Die blonden Haare, die den Kopf umrahmten, sahen aus wie lebende Locken, die blaue Augen hervorhoben. Das weite, wallende Gewand bewegte sich leicht in dem aufkommenden Wind. Und wieder wurde die Posaune geschmettert und das UngetĂŒm stieg aus dem Meer!
Die Haare aus lebenden Schlangen. Das Gesicht grĂ€sslich entstellt. Die Nase, als diese nicht mehr zu erkennen, war sie nur ein eingedrĂŒcktes Etwas, aus dem ein grĂŒnlicher Schleim floss. Die Klauen waren spitz zulaufende Gebilde, die mit einem Hieb vielen Menschen das Leben kosten konnten. UnterstĂŒtzt wurde es mit einmal von den Reitern, die ihre Pferde anhielten und diese wĂŒrdevoll auf die Hinterbeine stellten. Sie stimmten ein Kriegsgeschrei an und sprengten davon. Wieder einer Masse Menschen hinterher, die vergeblich versuchten, ihr Heil in der Flucht zu finden. Etwas störte ihn an den Reitern. Nur was es war, konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen. Er kannte sie, hatte zu oft schon von ihnen gelesen. Und doch waren sie fehlerhaft.
Johannes schauderte, als er diese Bilder sah. Er wusste erst nicht, was er mit diesen anfangen sollte und schaute dann wieder zu der grinsenden Gestalt, die nun dicht neben ihm stand.
SEINE SĂŒnden sind es, die dieses hervor bringen. Weil SEINE Lehren falsch sind. Ich werde die Siegel brechen! Meine HĂ€nde werden Gutes tun.
Komm, Johannes!
Und plötzlich wusste er, als er aus dem Raum trat, was falsch gewesen war, an seiner Erkenntnis. Denn ein bleiches, ausgemergeltes Pferd stand vor ihm. Den Kopf leicht gesenkt. Die MĂ€hne nur noch leicht vorhanden, da die Haare BĂŒschelweise ausgefallen waren. Um den schmalen Körper, unter dessen Haut sich deutlich die Rippen abzeichneten, lag ein Sattel, ebenfalls alt und kaum noch zu gebrauchen. Der linke Huf des Pferdes scharrte ĂŒber die Erde.
Und die Bilder fingen wieder an in Johannes lebendig zu werden. Er sah den Engel, der weiter seine Posaune schmetterte. Sich in Ektase steigerte und den Untergang der Menschheit heraufbeschwor.
Steige auf das Pferd und wallte deines Amtes, hörte er den Mann hinter sich sagen.
Noch einmal wandte er den Kopf. Schaute zu ihm und sah das Nicken, welches die letzte Barrikade einriss und Johannes nach den morschen ZĂŒgeln greifen ließ, die am Hals des Pferdes herunter hingen. Eigentlich war er schwerfĂ€llig, so aber glitt er nun leichtfĂŒĂŸig in den Sattel und fĂŒhlte, wie etwas Fremdes nach ihm griff. Wie es ihn mit dem verschmolz, auf dem er saß. Ein kaltes GefĂŒhl durchströmte ihn, ließen ihn alles vergessen, was er einst empfand. Liebe und Zuneigung zu Personen die er kannte, erlosch. Sie löste sich auf.
Die Siegel sind deine Aufgabe, Johannes, sie sind es, die mich Wirklichkeit werden lassen.
„Ja“, schrie Johannes und gab dem Pferd die Sporen...

Ende

Beendet von Thomas Tippner in Hamburg-Bergedorf


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Letzte Aktualisierung: 23.05.2017, 18:06 Uhr
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