Udo Seelhofer
Zwiegespräch

„Jetzt hör doch endlich einmal damit auf! Diesen ewig gleichen Scheiß von dir kann doch niemand ertragen!“
„Bitte was?“ Er zog sich gerade seine Schuhe an und war über diesen plötzlichen Ausbruch mehr als verwundert.
„Du hast mich schon verstanden. Stundenlang stehst du vor dem Spiegel und zupfst an dir herum. Du bist ja schlimmer als die schlimmste Tussi!“
Kerzengerade richtete er sich auf und schaute seinem Gegenüber in die Augen. „Sag das nicht noch einmal!“
Sein Gegenüber erwiderte den Blick locker. „Wenn‘s doch die Wahrheit ist. Jedes Mal wenn du vor die Tür gehst, und sei es nur, um kurz die Zeitung zu holen, stellst du dich vor diesen verfluchten Spiegel und tust so, als wärst du die verdammte Miss Germany. Ha, ich wette sogar, dass die nicht so lange vor dem Spiegel steht wie du und du bist ein verfluchter Mann!“
„Jetzt reicht es. Ich höre dir einfach nicht mehr zu. Wo ist meine Jacke?“ keuchte er vor Wut.
„Na wo wird die wohl sein? Im Schrank hinter dir, wie immer.“ erwiderte sein Gegenüber.
Zerstreut nahm er sie heraus, um sie anzuziehen. „Ich gehe jetzt spazieren. Kommst du mit?“
„Es regnet. Du weißt, dass ich Regen nicht mag.“ antwortete sein Gegenüber missmutig.
„Gehe ich eben alleine.“ sagte er genervt, „Aber eine Sache merk dir gut: So wie du geht man nicht mit seinen Mitmenschen um!“
Sein Gegenüber lächelte süffisant. „Das sagt mal wieder genau der richtige Typ.“
Er runzelte die Stirn. „Was meinst du damit?“
„Das weißt du ganz genau. Denk nach.“
Er schüttelte seine Faust. „Hör zu, ich hab dir schon tausend Mal gesagt, dass das etwas ganz anderes war damals!“
„Aber klar doch. Lüg dich nur weiter selbst an.“ Sein Gegenüber lachte gemein.
„Ach so? Ich belüge mich also selbst? Na, dann lass mich doch einmal an der Wahrheit teilhaben, großer Meister!“
Sein Gegenüber ignorierte die Beleidigung. „Schau dich doch nur um. Dein Leben lang war dir deine Arbeit wichtiger als alles andere. Und wo hat dich das hingebracht?“
Er schaute sich in seiner Wohnung um. „Es fehlt mir hier doch an nichts.“
„Das meine ich nicht.“ Sein Gegenüber verschränkte ungeduldig die Arme.
„Dann behalte es eben für dich.“ Er schnappte sich seinen Hut und setzte ihn auf.
„Sag mal, was soll denn das jetzt?“
„Was denn nun schon wieder?“ Langsam ging ihm sein Gegenüber immer mehr auf die Nerven.
„Na das.“ Sein Gegenüber zeigte auf den Hut.
„Was ist damit?“ fragte er.
„Meinst du abgesehen davon, dass dieses verfilzte Etwas absolut beschissen aussieht?“ antwortete sein Gegenüber abschätzig.
„Ach und könntest du mir dann vielleicht verraten, worunter ich meine Glatze sonst verstecken soll?“ sagte er beleidigt.
„Ganz einfach: Du sollst sie gar nicht verstecken. Du bist ein alter Sack, das kann selbst der schönste Hut der Welt nicht mehr kaschieren.“
„Das weiß ich selbst,“ sagte er gekränkt, „Sag mal…was hast du vorhin eigentlich gemeint? Es fehlt mir doch wirklich an nichts. Es geht mir gut, verdammt.“ Er warf den Hut auf die Couch.
„Tut es das?“ antwortete sein Gegenüber provokant.
„Ja, verdammt! Jetzt rück schon raus mit der Sprache!“ schrie er.
„Na gut, wenn du es nicht von alleine kapierst, will ich dir dabei helfen. Wie viele Personen sind noch hier außer dir?“
„Gar keine.“ antwortete er verwirrt.
„Siehst du. Wo ist deine Frau?“ bohrte sein Gegenüber weiter.
Kalte Wut stieg in ihm hoch. „Meine Frau ist tot, du Schwein. Noch ein Wort und ich breche dir dein Genick.“
„Und woran ist sie gestorben?“ fuhr sein Gegenüber ungerührt fort.
„An Krebs. Wieso quälst du mich so?“ fragte er, jetzt der Verzweiflung nahe.
Sein Gegenüber tat so, als hätte es nichts gehört. „Und wann ist sie gestorben?“
„Vor sechs Jahren,“ antwortete er resigniert.
„Und wo warst du?“
Diese Frage brachte das Fass zum Überlaufen. Voller Wut schrie er sein Gegenüber an. „Diese Geschäftsreise war bereits seit Monaten geplant! Ich konnte sie nicht mehr absagen!“
„Soso, wichtige Geschäftsreise, schon klar. Weißt du….in meinen Augen muss man schon ein rücksichtloses Arschloch sein, wenn man einfach wegfährt, während die eigene Frau, die immer alles für einen getan hat, an Lungenkrebs verreckt!“ antwortete sein Gegenüber kalt.
„Sie hat sich nie bei mir beschwert!“ Jetzt war er den Tränen nahe.
„Natürlich nicht. Sie hat ja noch nicht einmal etwas gesagt, als du sie auf dem Sterbebett allein gelassen hast, oder? Nur dein Sohn, der war da ein wenig anders. Nicht wahr?“
„Ja.“ Seine Stimme klang monoton.
„Was hat er denn zu dir gesagt?“
„Lass mich. Bitte.“
„Nein. Los, wiederhole es!“ forderte sein Gegenüber.
„Er hat gesagt, dass ich aus seinem Leben verschwinden soll. Ich wäre für ihn endgültig gestorben, sagte er.“ Ihm stand der Schweiß auf der Stirn.
„Endgültig. Hast du gehört? Er sagte endgültig. Obwohl….es wundert mich, dass das so lange gedauert hat. Ein anderer hätte dir das doch schon viel früher gesagt.“ Sein Gegenüber feixte.
„Ich war ihm ein guter Vater! Ich wollte immer nur sein Bestes! Er war es doch, der mich immer mit Füßen getreten hat!“ begehrte er auf.
Sein Gegenüber lachte laut und trocken auf. „Wenn ich das schon höre! Du wolltest vor allem eines: Dass dein Sohn ein Abziehbild von dir wird. Eine perfekte Kopie seines Papas sollte er sein. Nur hat ihm das nicht gefallen, deswegen hat er sich immer so gegen dich gewehrt und seinen eigenen Weg gemacht. Und wenn ich dich jetzt so anschaue, dann kann ich ihm zu dieser Entscheidung eigentlich nur gratulieren.“
„ES REICHT!“ brüllte er wie von Sinnen. Mit beiden Fäusten hämmerte er auf sein Gegenüber ein. „DU HÖRST JETZT DAMIT AUF! LÜGNER! DU VERDAMMTER LÜGNER!“ Weinend sackte er in sich zusammen. Er warf einen letzten Blick in den geborstenen Spiegel. Sein Gegenüber lächelte ihn triumphierend an.





Letzte Aktualisierung: 23.05.2017, 18:06 Uhr
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