Stefan Fuhrmann
Wachtraum

Sie haben sich entschieden, dass Urteil ist gefallen. Ich werde diese Zelle nie wieder verlassen, niemals. Trotz all meiner Zweifel, die mich in den letzten Wochen plagten, sage ihnen aus ganzem Herzen: Ich bin unschuldig! Aber fangen wir von vorne an, dann werden sie mich verstehen.
Ich lernte Goran Balic an der Uni Hamburg kennen. Er studierte dort Physik, Chemie und Psychologie. In einer dürftig besuchten Vorlesung, dass Thema weiß ich leider nicht mehr, sah ich ihn zum ersten Mal. Seltsam; wenn ich daran zurückdenke, frage ich mich warum Goran ausgerechnet neben mir Platz nahm, obwohl der halbe Saal leer war! Egal. Sofort kamen wir ins Gespräch und verbrachten ab da viel Zeit zusammen. Kurz darauf debattierten wir über Gorans Lieblingsthema, alle anderen Gespräche langweilten ihn nach kürzester Zeit. Der Traum! Was und warum wir etwas Träumen, dass war seine Leidenschaft. Ich höre noch immer seine enthusiastische Stimme: „Wenn mir das gelingt, wird mein Name in einem Atemzug mit Newton, Freud, Darwin und Einstein genannt!“
Nun gut gehen wir jetzt weiter zurück, bevor meine Erinnerungen durch die Tabletten verblassen, zehn Tage um genau zu sein.
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Ich kam von einem längeren Aufenthalt aus Frankfurt zurück, als mich eine eindringliche Nachricht von Goran erreichte. Außerhalb von Hamburg hatte er sich eine alte Fabrikhalle angemietet um dort ungestört seine Forschungen zu betreiben.
Kurzerhand machte ich mich auf den Weg. Es war nicht gerade einfach den Ort zu finden. Spät in der Nacht kam ich an, weit entfernt von jeglicher Zivilisation wie mir schien. Verlassen zwischen alten, halb eingestürzten Gebäuden und Hallen versteckte sich mein Ziel. Voller Ungeduld erwartete Goran meine Ankunft. „Endlich, mein alter Freund!“
„Hallo Goran, wie geht es dir?“
„Gut, gut. Komm rein und schau dir alles an.“
Überglücklich führte er mich ins Innere des verlassenen Industriekomplexes. Der größte Teil war leer und dunkel, nur im hinteren Bereich, dort wo früher einige Büros abgetrennt waren, hatte er es sich bequem gemacht.
„Na, was meinst du?“ Strahlend stand er zwischen seltsamen Maschinen, Computern und eigenartigen Instrumenten.
„Sehr eindrucksvoll, muss ich wirklich sagen.“
„Danke! Mir nach, ich habe uns Kaffee gemacht.“ Wir gelangten in eine kleine Küche mit separatem Schlafplatz. Ich setzte mich an einen kleinen Tisch in der Mitte des Raumes.
„Mach es dir bequem, ich hole uns zwei Tassen.“
Als Goran zurück kam, plauderten wir über die letzten Wochen. Nachdem alle Neuigkeiten ausgetauscht waren, fragte ich Goran schließlich: „Ist das nicht ein bisschen einsam hier draußen, so weit abseits vom Getöse der Stadt?“
Goran lachte und drückte seine Zigarette aus.
„Wenn ich Gesellschaft brauche fahre ich ins Zentrum“, er zwinkerte verschwörerisch. „Ansonsten bin ich ganz mit meiner Arbeit beschäftigt.“
Typisch Goran, ohne seine Arbeit war er ein Nichts. Ich bewundere diesen Eifer, den er immer in sein Lebenswerk steckte. Und an manchen Tagen, wenn ich mit meinen eigenen Projekten nicht so recht voran komme, wünschte ich mir ebenfalls diese Hingabe.
„Und, wie läuft es?“
„Sehr gut! Und wie du siehst, bezahlen große Unternehmen einiges an Geld dafür, dass ich sie daran teilhaben lasse.“
Erneut zeigte er um sich. Goran war schon immer ein Glückskind gewesen. Ich denke mir, dass er Schrott zu Gold reden könnte, und dann lachend dafür den Nobelpreis kassiert hätte. Andere mussten ihr Leben lang kämpfen um nur einen kleinen Teil davon zu erreichen.
„Du hast sie richtig um den Finger gewickelt, was?“ Ich grinste Goran an, doch Ärger machte sich in mir breit. Warum hatte er immer so einen durchschlagenden Erfolg? Seine Eltern badeten im Geld, für was brauchte er da noch Sponsoren?
Goran schnappte sich eine neue Zigarette und sprang auf. Sein Gesicht leuchtete wie das eines kleinen Jungen, wenn er unter dem Weihnachtsbaum die Geschenke entdeckt hatte.
„Ich muss dir was zeigen.“ Von Vorfreude erfasst legte er mir den Arm um die Schulter und führte mich zurück ins Labor. „Es weiß noch niemand!“
Langsam gingen wir in den hinteren Bereich des Labors. Dort befand sich zwischen Regalen und einer Werkbank versteckt ein großer Sessel, umringt von Dutzenden Kabeln und Computern. Wenige Zentimeter über der Rückenlehne hing ein seltsames Ding von der Decke, so eine Art übergroßer Helm der aus unzähligen Antennen, Drähten und Kabeln zu bestehen schien. Am hinteren Teil der Rückenlehne befanden sich weitere Kabel in allen möglichen Farben und stärken. Sie führten in einem wilden Durcheinander zu riesigen Computern die an einer verwitterten Wand standen.
„Na, was sagst du?“ Goran wanderte langsam um den Sessel herum und berührte ihn ehrfurchtsvoll, als wäre er eine heilige Reliquie.
„Interessant, doch was kann denn nun dieser Wundersessel?“ Ich hatte einen leicht sarkastischen Unterton in meine Frage gemischt, doch Goran bemerkte es scheinbar nicht.
„Das, mein Lieber, ist ein Technisches Wunder, eine Meisterleistung!“
Unbeeindruckt sah ich zu Goran.
„Mit diesem Gerät hier kann ich jede Art von Traum, der im REM-Schlaf erzeugt wird, auf einer simplen DVD bannen.“
Ich schluckte schwer.
„Damit wird die Behandlung von Schlafstörungen wie Insomnie, Narkolepsie, Alpträumen und…“ Goran erzählte und erzählte, und mein Körper war starr vor Entsetzten. Konsterniert starrte ich den seltsamen Apparat an.
Konnte das wirklich wahr sein? Sollte ab heute kein Traum und keine Phantasie mehr im Verborgenen bleiben? Wird nun auch unser letztes geheimes Plätzchen ans Licht gezerrt?
„Goran, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“
Er hielt einen Moment inne und starrte mich an.
„Aber sicher ist das eine gute Idee. Stell dir nur vor wie die Menschen darum kämpfen würden…“
„Ist dir klar was du damit anrichten könntest?“
„Anrichten? Mein Gott, ich helfe den Menschen.“
Du befriedigst nur deine scheiß Eitelkeit, dachte ich mir.
„Überlege doch, du würdest den Menschen ihren letzten Rest an Privatsphäre zerstören. Den einzigen Ort an dem sie noch ungestört Träumen können.“
Goran kam auf mich zu und lächelte.
„Du machst dir einfach zu viele Gedanken. Ich weiß, ihr Schriftsteller werdet dafür bezahlt euch Gedanken zu machen, aber das ist in diesem Fall unnötig.“
Langsam führte er mich zu einem der vielen Großrechner.
„Hier werden die Daten aufbereitet und auf einer kleinen DVD gebrannt.“ Er zeigte auf ein leeres Laufwerk. „Ich habe eine Methode gefunden, wie ich direkt den Thalamus und den Hypothalamus anzapfen kann. Am Beginn des Tiefschlafes, charakteristisch für diesen Schlafzustand sind die Deltawellen, beginnt automatisch die Aufzeichnung und …“ Aufgeregt erzählte Goran weiter, doch ich nahm nichts mehr davon auf. Mein Kopf fühlte sich an als wollte er platzen.
„Ich habe noch eine weitere Überraschung für dich, mein Freund. Morgen Abend werden wir die Maschine testen! Du und ich, was hältst du davon?“
Sprachlos starrte ich ihn an.
„Goran, ich bin kein Arzt! Wenn etwas passieren sollte …“
„Keine Angst, mein Freund.“
Wiederwillig gab ich schließlich nach, und wir verabredeten uns für den nächsten Abend gegen dreiundzwanzig Uhr. Wütend fuhr ich nach Hause. Das war das letzte Mal, dass ich Goran Balic lebend gesehen habe.
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Kurz vor der verabredeten Zeit erreichte ich das Gebäude. Ein heftiger Wind peitschte kalten Nieselregen durch die verlassenen Betonschluchten. Keine Menschenseele war zu sehen, noch nie in meinem Leben hatte ich mich so einsam gefühlt. Verlassen ragte das Gebäude vor mir in den schwarzen Himmel und von Goran fehlte jede Spur.
Kurzerhand entschloss ich mich zu warten, wahrscheinlich besorgte er nur eine Kleinigkeit und würde jeden Moment lachend durch die Tür treten. Ich machte es mir in der Küche bequem und setzte unterdessen einen Kaffee auf.
Die Zeit verging, und als Mitternacht vorbei war, kroch die Unruhe wie eine lauernde Bestie aus der Dunkelheit auf mich zu. Fieberhaft lief ich durch das Zimmer, ehe ich beschloss noch einmal im Labor nachzusehen.
Angespannt wanderte ich durch die Reihen der stummen Maschinen, die wie Grabsteine aus dem Boden ragten. Keine Ahnung, was ich eigentlich suchte, doch an einem der Computer bemerkte ich unvermittelt einen verschmierten Zettel, auf dem Goran mit wirrer Schrift Folgendes geschrieben hatte: „Ich konnte nicht warten. Entschuldige mein Freund! Es hält mich gefangen und …“
Verwirrt las ich den Zettel immer und immer wieder.
Goran hatte die Maschine alleine getestet! Wie ein Blitz jagte diese Erkenntnis durch mein Hirn. Doch was war passiert, und vor allem, wo war Goran jetzt? Wie ein gehetztes Tier sah ich mich in der Halle um. Auf einmal wirkte die Dunkelheit noch dunkler, wie schwarze Tinte, und die Schatten rückten bedrohlich näher, als würden sie leben. Unentschlossen umrundete ich den Sessel.
Erst da bemerkte ich ein hektisch blinkendes Licht an einem der Elektronenrechner, dass war vorher noch nicht da gewesen oder etwa doch? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Schnell ging ich hinüber und betrachtete die vielen mir unbekannten Anzeigen. Es war das DVD Laufwerk! Mit zitternden Fingern drückte ich die Auswurf-Taste und starrte auf die silberne Scheibe im Inneren. Aber als ich das Labor betrat, waren alle Geräte und Computer aus, ohne Strom! Spielte mein Gehirn mir einen Streich?
Goran hatte also alles aufgezeichnet, seinen ersten Traum! Zitternd ergriff ich den Silberling und sah mich nach einem Abspielgerät um. Ich fand eins auf seinem überfüllten Schreibtisch, zusammen mit einem kleinen Fernseher.
Langsam schob ich die Scheibe in das dafür vorgesehene Fach und ein entsetzliches Gefühl presste meinen Magen zusammen. Nein, mach das nicht. Du darfst es nicht sehen! Die Stimme in meinem Kopf schrie es immer und immer wieder. Mein Finger verharrte für Sekunden zitternd über dem Start-Knopf.
Wie von Geisterhand gelenkt betätigte ich schließlich den Knopf und sofort begannen schwarze und weiße Streifen wild über den Bildschirm zu schwirren.
Wirre Szenen, ohne jeden Zusammenhang, bizarre Geräusche und Stimmen erschienen. Sehr langsam entstanden erste Konturen und ich konnte unwirkliche, verfallene Gebäude sehen, umgeben von aufgerissenen Straßen. Ausgebrannte Autos verweilten kreuz und quer auf der Straße, dazwischen lagen wild verstreut Leichen, wie weggeworfene Puppen. Kurz darauf änderte sich das Bild und eine endlose Sandwüste kroch in mein Sichtfeld. Dunkler, ein fast schwarzer Dunst oder Nebel behinderte die Sicht. Für Sekunden schien es, als wollte der Nebel aus dem Bildschirm wabern, direkt vor meine Füße. Augenblicke später verschwand er genauso unerwartet und vor mir erschien ein Käfig.
Das Gefängnis war nicht größer als zwei Mal zwei Meter, der Stahl verwittert und alt. Im inneren befand sich Goran, seine Kleider zerrissen und er blutete aus mehreren kleinen Wunden. Waren das Bisswunden? Sein Gesicht war von Panik erfüllt und leblose, eingesunkene Augen blickten daraus hervor.
In einiger Entfernung bemerkte ich fremdartige, gestaltlose Wesen. Ich weiß nicht genau ob es sich um Menschen handelte, denn alles außerhalb eines fünf Meter großen Kreises, der das Sichtfeld markierte, war irgendwie verschwommen. Doch sie lebten und verfolgten aus ihren blutrünstigen Augen aufmerksam jeden meiner Schritte.
Aber das schlimmste war die Gestalt neben dem Käfig. Groß, mit schmutzigen, dunklen Tüchern verhüllt, die unruhig im leichten Wind umherflatterten. Das Gesicht lag tief in den Schatten verborgen.
Unerwartet blitzte in diesem Moment der Starre, nur für den Bruchteil einer Sekunde, eine Karikatur eines menschlichen Gesichtes unter dem Umhang auf. Und bei Gott, ich würde alles dafür geben, es niemals gesehen zu haben.
Eine blasse, von Hass zerfressene Maske des Todes erschien. In diesem Augenblick des Schreckens erinnerte ich mich an meinen eigenen Traum von letzter Nacht. An diesen Traum, der so real wie ein Film vor mir ablief, an dieses Antlitz des Grauens! Ich werde es nie vergessen, wie ein Blutegel klammert es sich seit dem in meinem Gehirn fest. Ich war der schwarze Mann. Es war mein Gesicht!
Mordlüstern grinste ich meinen Freund Goran an, in der Hand einen langen, verrosteten Speer, zum letzten Stoß erhoben.





Letzte Aktualisierung: 03.07.2017, 12:13 Uhr
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