Stefan Fuhrmann
Ein ganz normaler Tag

„Früher litten wir an Verbrechen, heute an Gesetzen.“
-Tacitus

Müde erhob sich Peter K.145b aus seinem Bett und schlurfte zur Waschzelle, während eine unsichtbare Automatik hinter ihm aufräumte. Schnell erfrischte er sich mit der für heute zugeteilten Wassermenge, die im Tagesspeicher auf ihn wartete. Er gähnte ausgiebig und fuhr sich mit dem Handrücken über die dünnen Lippen. Mürrisch sah er die vier Wände seines Refugiums an, sein vom Staat zugeteiltes Reich. Peter K.145b hob kurz die Schultern. Zum wiederholten Male vermisste er ein Fenster, so wie jeden Morgen. Durch seinen sozialen Status gelangte er gegenwärtig nicht in die Position, ein Zimmer mit Fenster zu verlangen.
Heute war Montag (Juli oder August? Egal!).
Eine neue Garderobe mit Unterwäsche lag im Ausgabefach des MfT, Multifunktions-Terminals, bereit. Jeden Montag gab es frische Wäsche, die Verbrauchte landete dagegen im Recycling Center. Kleidung aufzuheben, oder einen Schrankplatz zu besitzen, war unrentabel und unsozial. Unvorstellbar, für nicht benutzte Bekleidung Platz zu verschwenden. Kein normaler Mensch käme auf solch eine absurde Idee, auch nicht Peter K.145b.
Nach einem kleinen Frühstück, das auch am MfT bestellt wurde, bereitete er seinen Mund- und Nasenfilter vor. Ohne diese Filter durfte, und konnte, niemand ein Gebäude verlassen. Die Luft innerhalb der Großstädte führte ungefiltert zu schwersten gesundheitlichen Schäden. Diese Vorschrift gab es seit neun Jahren und wer sich nicht daran hielt, starb einen langsamen und qualvollen Tod im Gefängnis. Zusätzlich verlor er seine Identität und alle Rechte. Eine Behandlung wurde aus Kostengründen abgelehnt, da es eine bewusste Schädigung von Staatseigentum darstellte.
Nach der korrekten Befestigung beider Filter befühlte Peter K.145b aus Gewohnheit den kleinen Chip in seinem Nacken. Nach dem letzten Krieg wurde jedem Einwohner dieser Chip implantiert. Darin speicherte der Staat alles, was Peter K.145b ausmachte. Seine Identität, Passwörter und Zugangsdaten, sein Kreditkonto, sowie die Berechtigung zum Leben, Arbeiten und Sterben. Sollte dieses kleine Wunderding einmal versagen oder von der Polizei gelöscht werden, dann war seine Existenz in dieser Stadt, auf diesem Planeten, nicht mehr möglich.
Zuerst überprüfte und bestätigte der Polizeicomputer Peter K.145b’s Daten sowie seinen heutigen Dienstplan, ehe sich die Haustür öffnete. Den weiteren Weg außerhalb überwachten unzählige Scanner und Kameras, die in der Stadt eine lückenlose Verfolgung jedweder Person garantierten.
Die Observierung der Bürger war einzig und allein zum Schutz im Grundgesetzt verankert worden. Schutz vor Terroristen, Mördern, Subversiven und anderen Feinden des Staates.
Verschlafen betrat er den ĂĽberfĂĽllten Aufzug.
„Guten Morgen, Peter.“ Desorientiert sah er sich um und erspähte seinen Nachbarn Jürgen S.3670j.
„Hallo“, murmelte er durch den Mundfilter. Das Sprechen bereitete mit diesem unhandlichen Ding viele Probleme. Auch der üble Geschmack verstärkte sich mit jedem benutzen, schal und bitter.
„Ich habe gestern meine Bewilligung bekommen.“ Undeutlich nahm er Jürgen S.3670j wahr. Die Klimaanlage ratterte und zischte im Hintergrund als wollte sie alles andere mit ihrem Lärm zum Schweigen bringen. Verwirrt sah Peter K.145b zu Jürgen, wusste nicht so recht, von was der eigentlich sprach.
„Na du weißt doch, wir möchten ein Kind!“
„Stimmt.“ Peter K.145b versuchte zu lächeln, Schweiß lief ihm über die Stirn. Die Hitze im Fahrstuhl war kaum zu ertragen.
„Freut mich für dich.“
Jürgen S.3670j gab ein verzerrtes Grinsen von sich. Es sollte wohl Freude ausdrücken. In diesem Moment erreichte der Fahrstuhl das Erdgeschoss. Fauchend öffneten sich die Türen und eine Flut von übermüdeten Menschen quoll der Straße entgegen wie eine breiige, halb intelligente, Masse. In dem fortwährenden Kampf der trüben Straßenbeleuchtung gegen den schwarz-grauen Himmel gab es keinen Sieger und eine baldige Entscheidung war nicht in Sicht.
Gigantische Wohnblocks reihten sich endlos aneinander wie Kaninchenbauten, die vertikalen Särge der Menschheit. Dazwischen wälzte sich ein Meer von hirnlosen Köpfen, gedankenlos, gnadenlos, stumpfsinnig. Rechtmäßige Arbeiter, Drogensüchtige, Gelangweilte und Verrückte, Subversive und Prostituierte, die für eine Übernachtung oder einen neuen Filter ihren Körper verkauften.
Peter K.145b fügte sich mühelos ein und folgte zunächst dem Hauptstrom. Von Jürgen S.3670j war nichts mehr zu sehen, das war ihm auch ganz recht. Jürgen S.3670j war ein Schwätzer und Aufschneider; wenn möglich, ging er ihm aus dem Weg. Mit einem gelangweilten Blick sah er auf den Nachrichtenmonitor am Gebäude gegenüber. Die Sprecherin redete über die verfahrene Situation im nördlichen Afrika.
„… unsere Streitkräfte sind vor Ort und haben alles unter Kontrolle!“ Einige hundert Meter weiter hing der Nächste, halb verdeckt von einem Reklamemonitor für neue Filtersysteme.
„… wurde beschlossen die Diäten um 1,5 % zu heben …“ „… die Zahl der Drogenabhängigen nimmt weiter zu, bis zu 0,8 % pro Monat …“ Ein weiterer pries die neusten Entwicklungen an; „… beschlossen, mit der neuen Gen/Pro-Technik die ersten echten Bäume seit über fünfzig Jahren zu züchten …“
Ăśber dem endlosen Strom der Massen schwebten vereinzelte Polizeiroboter, Werbeautomaten und Wettercomputer, doch Peter K.145b wĂĽrdigte sie keines Blickes, so wie jeden Tag. Individualverkehr gab es nicht mehr, und wer es sich leisten konnte, wohnte in einer der neuen Schwebe-Wohnungen, die hoch ĂĽber der Wolkendecke im Einzugsgebiet jeder Stadt kreisten. Dort soll es auch noch echte Sonnenstrahlen und sauberen, reinen Sauerstoff geben, was Peter K.145b sich nicht so recht vorstellen konnte.
Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als wenige Meter vor ihm auf der Kreuzung zwei Polizeiroboter landeten, im Schlepptau einen I-Sammler, der abwartend über der Menge verharrte. Das schwache Licht lies seinen gedrungenen Körper nur schemenhaft erkennen. Einzig die langen, klauenförmigen Arme, die ihm das Aussehen eines überdimensionalen Kraken verliehen, waren deutlich zu erkennen. Die Luft dröhnte, bis es unerträglich wurde, ehe der I-Sammler in den einfachen Schwebezustand überging.
Innerhalb weniger Sekunden wurde die Kreuzung geräumt und Peter K.145b musste für einen Moment, wie alle anderen auch, stehen bleiben.
Vermutlich ein Identitätsloser oder ein Arbeitsdieb, dachte er sich. Phlegmatisch umgingen die Menschen das neue Hindernis. Nur wenige blieben stehen und sahen gelangweilt dem Geschehen zu. An einigen Köpfen vorbei konnte Peter K.145b die zwei Polizeiroboter sehen, wie sie eine Frau und einen Mann abführten. Lauthals brüllten beide um Hilfe. Ein kurzes Aufblitzen der Paralysatoren beendete das Theater. Die zwei komatösen Puppen wurden zum I-Sammler gebracht, der sie sofort mit seinen mächtigen Klauen zu sich hinaufzog. Innerhalb weniger Sekunden wurde nun der I-Chip beider Gefangenen gelöscht, und sofort mit einem Null-I überschrieben. Danach verschwanden sie im Inneren des Sammlers.
Niemand mischte sich ein, wieso auch. Wenn doch eine Person intervenieren sollte, wĂĽrde sie sofort, ohne jedes Gerichtsurteil, ihren Chip verlieren. Und wer wollte das schon?
Mühsam zwängte Peter K.145b sich weiter.
Endlich erreichte er seinen Arbeitsplatz, eine große Lagerhalle im Zentrum der Stadt. Hier wurde vor einiger Zeit ein Großteil der Versorgungsgüter dieses Bezirkes deponiert. In der letzten Zeit allerdings hatten sie mehr Defizite als eigentliche Ware, das Wenige, was es gab, wurde sofort unter der Bevölkerung verteilt.
Vor den Toren befanden sich Militärroboter und Scanner, die Peter K.145b auf seine Echtheit überprüften. Schon am Eingang konnte er einen neuen Aushang erkennen, auf dem die aktuellen Pausenzeiten veröffentlicht wurden. Ab dem nächsten Monat nur noch fünfzehn Minuten Pause, bei gleichbleibenden zwölf Stunden Arbeit. Peter K.145b hatte das schon erwartet, die Regierung sprach seit längerem davon. Immerhin ging es dem Land, der ganzen Erde, nicht mehr so gut, wie noch vor einigen Jahren.
Verschiedene Geschichten waren im Umlauf: dass viele der Waren erst gar nicht die Bevölkerung erreichten, sondern an Wohlhabende zu hohen Preisen verkauft wurden, um dann von dem Geld etwa die Rüstungsindustrie zu finanzieren? Oder dass Personen mit Null-I nicht unter der Erde in den Sozialstationen landeten, sondern für Genetische Experimente benutzt wurden? Aber das waren nur Gerüchte!
Zu viele Menschen kämpften um viel zu wenig Nahrungsmittel, diese angespannte Situation sorgte schon immer für Unstimmigkeiten unter den Völkern der Erde.
Die Produktion aber stellte ein noch unlösbareres Problem dar. Doch Peter K.145b wusste, dass die Politiker an einem Ausweg arbeiteten, und wenn jeder seinen Beitrag dazu leisten würde, ginge es bald wieder aufwärts. Vielleicht gab es neue Hoffnung durch die Landgewinnung in Afrika? Ein positives Ende des Konfliktes war durch die Truppen so gut wie sicher. Bisher jedoch hatte der afrikanische Kontinent sich immer herausgehalten und jede Unterstützung für den Westen verweigert.
Nachdem Peter K.145b die Luftschleuse passiert hatte, nahm er seine Filter ab und schmeckte umgehend die verbrauchte Luft der Lagerhallen. Augenblicklich übermannte ihn ein Hustenanfall. Würgend stolperte er zu einem Wasserspender um den schalen Geschmack im Mund los zu werden. Augenblicklich sprach der Med-Scanner in der Wand an und prüfte Peter K.145b’s Werte.
Eine tonlose Stimme meldete sich: „Benötigen Sie Hilfe, Peter K.145b?“
Erschöpft und keuchend ließ er seinen Kopf in den Nacken sinken. „Nein, alles bestens!“ Vor Peter K.145b’s Augen erschien ein doppeltes Bild des Wasserspenders. Es vergingen einige Sekunden, ehe er seinen Weg fortsetzen konnte.
Im Leitstand, dem Nervenzentrum des Lagersystems, herrschte eine angespannte Atmosphäre. Unauffällig nahm er seinen Platz am C-Terminal ein. Die Nachtschicht verabschiedete sich mit einem gequälten Nicken.
Während Peter K.145b nicht vorhandene Ware buchte, hörte er mit einem Ohr dem Nachrichtensprecher zu, der leise im Hintergrund die neusten Meldungen über den Afrika-Konflikt lieferte. Gegen Mittag war es dann soweit, und der Sprecher meldete:
„… offiziell bestätigt, dass unsere Truppen Port Sudan eingenommen haben. An der westlichen Küste ist der Kampf um Dakar und Banjul noch immer im Gang. Die Liga –Freies Afrika- hat den Krieg gegen die weißen Unterdrücker als Prüfung Gottes ausgerufen, die Wiege der Menschheit gegen die weiße Pest der Erde zu verteidigen und …“
Die einzige Reaktion seiner Kollegen im Leitstand über diese Meldung war allgemeines Kopfschütteln. Minuten später meldeten sich angebliche Experten in den Nachrichtenstudios zu Wort und feuerten Meinungen durch den Äther wie Raketen. Vom Einsatz der Atomwaffen bis zu unnötiger Verschwendung von Ressourcen war alles dabei.
Nach unzähligen Stunden und einer endlos scheinenden Kette von Zahlen wurde Peter K.145b von der Nachtschicht abgelöst. Müde, aber zufrieden, verschwand er aus dem leeren Lager und trat hinaus in einen schwülen Abend. Leichter Regen breitete sich über die Stadt aus. Die Straßen barsten vor Menschen, die in allen Richtungen liefen, eine kopflose Masse, gefangen in ihrer persönlichen Tretmühle!
Zuhause angekommen bestellte Peter K.145b an seinem MfT eine der synthetischen S-Mahlzeiten, sowie einen guten S-Whisky als krönenden Abschluss des Tages.
Dieses Essen war der Vorteil eines Arbeitenden! Zufrieden kaute Peter K.145b auf seiner Mahlzeit und freute sich auf einen ruhigen Abend, in seinem ruhigen und zufriedenen Leben. Bis auf das fehlende Fenster!
Unvermittelt meldete sich die Haustür. Irritiert betätigte Peter K.145b den Türöffner und sah sich einem schwarz-weiß gestreiften Arbeitszeitvermittler, kurz Azv, gegenüber.
„Guten Abend, Peter K.145b.“ Der Mann war einen Kopf kleiner als Peter K.145b und hatte ein breites, aufgequollenes Gesicht. Seine Glatze glänzte vom Schweiß und das schleimige Grinsen verwandelte ihn in einen Harlekin. Hinter dem Azv standen drei menschliche Polizisten, breitschultrig und grimmig, jeder mit einem feuerbereiten Paralysator bewaffnet!
„Äh, ja … Guten Abend.“ Ein ungutes Gefühl breitete sich in Peter K.145b’s Magengegend aus.
Aufmerksam musterte der Azv seinen Computer, der am Unterarm mit seinem Körper befestigt war. Ein Monitor wurde bei diesem Modell nicht benötigt, denn es sendete das Bild über die Nervenbahn des Azv, direkt an sein Auge.
„Machen wir es kurz und schmerzlos. Ihre Arbeitszeit ist mit dem heutigen Tag beendet!“
Schmerzhaft zog sich sein Magen zusammen.
„Aber wie kann das sein? Ich habe doch noch zwei …“
Die Polizisten traten einen Schritt näher und hoben langsam ihre Waffen.
„Da muss ich sie enttäuschen. Das Arbeitszeitgesetzt wurde aus aktuellem Anlass geändert. Jedem Bürger stehen nur noch acht Jahre zur Verfügung.“ Mit verkniffenen Augen, und seinem widerlichen Grinsen, blickte der Azv zu Peter K.145b.
Nach einigen Sekunden überkam Peter K.145b die ganze Tragweite dessen, was er soeben hörte. Zitternd glitt seine Hand vom Türrahmen.
„Sind Sie sich da auch ganz sicher?“ Schweiß trat auf seine Stirn und sein Magen schrumpfte weiter zusammen, wollte sich verstecken.
„Laut meinen Unterlagen kommt noch hinzu, dass Sie nicht mehr den Arbeits-Verkehrswert erfüllen und somit entfällt eine mögliche Erneuerung ihrer Arbeitszeit.“
Peter K.145b schluckte mĂĽhsam, doch der KloĂź im Hals breitete sich aus.
„Wie schon gesagt, entfällt damit die Wiedereinstellung nach vier Jahren.“
„Wollen Sie damit sagen …?“
„So ist es! Herzlichen Glückwunsch, Sie gehen in Rente!“
Mechanisch schĂĽttelte Peter K.145b die Hand des Azv.
„Ich werde jetzt ihre Arbeitserlaubnis löschen.“ Angespannt fummelte der Azv an seinem kleinen Computer herum, starrte ins Leere, auf ein Bild, dass nur er Wahrnehmen konnte.
„So, das war schon alles. Sie melden sich dann Morgen bis spätestens zwölf Uhr im Soziallager CC490K, dort bekommen sie dann ihr neues Zimmer. Selbstverständlich wird dort für ihr leibliches Wohl gesorgt!“
Keine Arbeit, Soziallager, Gruppenwohnungen unter der Erde, unproduktiv? Das kann nicht sein. Peter K.145b’s Gedanken wirbelten wie Konfetti im Wind umher.
„Warten Sie …“
Was wird nun aus meinem Fenster?
„Dann ist ja alles klar. Einen schönen Tag noch!“ Lächelnd rückte der Mann seine Filterkombination zurecht und verschwand samt Begleitung im Fahrstuhl.

2007




Letzte Aktualisierung: 18.06.2017, 17:55 Uhr
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