Michael & Johannes Tosin
Atemlos

Das grobkörnige Bild der Überwachungskamera zeigte einen maskierten Mann, der mit seiner Waffe auf den schwitzenden Kassierer anlegte. Der Kassierer wusste, er hatte einen Fehler gemacht, als er sich über das Kassenpult gebeugt und den stillen Alarm betätigt hatte. Das Projektil durchschlug seine Brust. Keuchend brach er zusammen und war schon nach wenigen Sekunden tot.
Ein gelungener Beginn der Geschichte, denkt Ben, jetzt nur nicht den Faden verlieren.
Der Mann herrschte die Anwesenden in der Kassenhalle an: „Alle sofort auf den Bauch legen und Hände hinter dem Nacken verschränken!“ Jeder tat, was der Mann forderte. Er richtete die Waffe auf einen anderen Bankangestellten. Er deutete mit ihr auf einen Plastikbeutel, den er auf das Kassenpult gelegt hatte und sagte: „Alles Geld da rein, aber ein bisschen flott! Steh auf, du Sack!“ Der Bankangestellte packte die Geldbündel ein. Da drang schon Sirenengeheul ins Bankgebäude.
Spannung, ich muss Spannung erzeugen, sagt sich Ben und legt den Kugelschreiber zur Seite, um seine Gedanken in Worte zu fasen. Irgendwie ist die Spannung nicht so recht greifbar, geht es ihm durch den Kopf. Mein Sohn, der heute zu Besuch kommen wird, ist da um Längen besser. Ben ist nicht gerade Bestsellerautor, er hat zwar ab und zu eine Lesung, schreibt aber hauptsächlich für den Keller. Sein Sohn Mario ist vierzehn. Ben ließ sich von seiner Mutter scheiden, als er zwölf war, eigentlich hatte Marika ja die Scheidung beantragt. Ben zog daraufhin in ein Dreißig-Quadratmeter-Loch. Mario schreibt auch, hatte sogar schon eine gutbesuchte Lesung und stand mit einer Geschichte im letzten Jahreskalender seiner Schule. „Okay“, sagt Ben und kaut am Ende seines Kugelschreibers, „mal überlegen“. Einer, wie er es nennt, „Eingebung“ folgend, setzt er fort.
Der Bankräuber entriss dem Angestellten die halbgefüllte Geldtüte und lief zum Ausgang. Auf halbem Weg drehte er sich um, zielte mit der Waffe auf den Bankangestellten. „Wieder hinlegen!“, schrie er. Kurz vor dem Ausgang zog er sich die Maske vom Gesicht und lief auf die Straße, wo er in der Menschenmenge untertauchte, kurz bevor die Polizei das Bankgebäude stürmte. Ben, der am nächsten zum Ausgang lag, hatte sein Gesicht nicht gesehen.
Ein ausgezeichneter Satz, denkt Ben, nur zweimal „kurz“ wäre zu vermeiden gewesen, doch das musste sein, da er den ersten Teil der Geschichte mit diesem hervorragenden Cliffhanger abschließen will. Treffenderweise gab Ben dem Hauptcharakter der Geschichte seinen Namen, um sich besser mit ihm identifizieren zu können. Er schreibt weiter.
Ben saß auf seiner Couch und sah …
Es läutet. Schnell beendet er den Satz mit:
fern.
Mario steht vor der Tür. „Hallo Pottwal Kirk“, sagt er. Er beliebt in letzter Zeit seinen Vater „Pottwal Kirk“ zu rufen, da der seit der Scheidung beträchtlich an Leibesfülle gewonnen hat. „Hallo Schwarti“, sagt Ben, „komm rein!“ Auch Mario ist nicht gerade der Schlankste. „Setzen wir uns doch in die Küche. Was willst du denn gerne essen?“, fragt Ben. „Hast du Wurst?“, fragt Mario. „Ja.“ „Dann bitte Salami, ein Salamibrot.“ „Ich muss dir unbedingt von meiner neuen Geschichte erzählen“, sagt Ben, während er das Brot belegt. „Du weißt ja, früher schrieb ich unsägliche Underground-Geschichten, pervers und sowas.“ Mario macht ein leidendes Gesicht. „Aber für diese Geschichte nahm ich mir Zeit, ich entwickelte die Figuren, machte mir Notizen.“ Mario schaut ungläubig. „Die Geschichte soll länger werden, mindestens fünfzehn Seiten. Und sie soll von realistischen Charakteren bevölkert sein, die keinen Klischees entsprechen. Fast jeder hat eine kleine Macke. Der Chefinspektor ist Choleriker und hat eine große Nase.“ Ben kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus, als ihn sein Sohn unterbricht: „Und was erwartest du dir davon, den Durchbruch?“ „Vielleicht. Jedenfalls, ich will dir das einmal erklären. Das wird nicht einfach eine Geschichte nach Schema F zwischendurch wird sie entschleunigt, der Hauptcharakter setzt sich auch einmal in ein Café. Außerdem verzichte ich auf Sexszenen, das macht sie einem breiten Publikum zugänglich.“ „Werd ja nicht größenwahnsinnig, Pottwal Kirk“, sagt Mario, „und mach mein Brot fertig.“ Ben wechselt das Thema: „Und wie sieht´s bei dir schreiberisch aus?“ „Hab gerade nichts am Laufen“, antwortet Mario und zuckt mit den Schultern. „Wann hast du deine letzte Geschichte geschrieben, vor zwei Monaten?“, hakt Ben nach. „Eineinhalb“, verbessert Mario, „Worum geht es denn bei deiner Geschichte, Pottwal Kirk?“ „Du wirst begeistert sein“, sagt Ben und macht eine kurze Pause. „Es wird eine Krimi-Geschichte mit Verwechslungen, Täuschungen und Wendungen.“ „Wie auch immer“, sagt Mario stöhnend. Ben lässt sich nicht aufhalten: „Es geht um einen Banküberfall. Aber hör selbst.“ Ben nimmt sich das Papier und liest Mario vor, was er bisher geschrieben hat. „Nicht schlecht“, findet Mario, „und wie geht´s jetzt weiter?“ „Wenn ich dir das verraten würde, wär´s ja nicht mehr spannend. Lass dich überraschen“, sagt Ben. „Du bist aber sehr von der Geschichte überzeugt“, sagt Mario und beißt in das Salamibrot. „Also, was willst du jetzt tun?“, fragt ihn Ben. „Ich muss bald wieder gehen. Ich habe nämlich morgen Mathe-Schularbeit und muss noch lernen. Ich wollte nur mal sehen, was du so treibst, Pottwal Kirk“, sagt Mario. „Das hast du jetzt ja, Schwarti.“ „Und sonst?“, fragt Mario. „Naja“, sagt Ben, „ich hab nicht viel zu tun. Du weißt ja, ich habe keinen Job.“ „Vielleicht wird dafür ja die Geschichte doch ganz gut“, sagt Mario beschwichtigend und verputzt den letzten Bissen Brot. Er beginnt seine Jacke anzuziehen. „Bleib doch noch ein bisschen da, Schwarti“, sagt Ben. „Nein, ich muss wirklich los. Mathe ist knifflig und ich muss mir noch viel durchsehen. Ich komme dann morgen wieder vorbei und berichte dir, wie´s mir bei der Schularbeit ergangen ist, okay?“, sagt Mario. „In Ordnung. Viel Glück für Mathe“, sagt Ben und geleitet Mario zur Tür, in der er ein wenig unsicher stehenbleibt, als Mario sie hinter sich schließt.
Was sollte Ben jetzt tun? Eigentlich kann er nichts außer schreiben. Also dann mal wieder los, sagt er sich und setzt sich hochkonzentriert erneut vor seine Schreibsachen. Ich brauche einen Titel, denkt Ben und beißt sich auf die Unterlippe. „The Bank Job“ wäre treffend, aber der ist halt englisch und gibt auch keinen Sinn. Ich brauche einen anderen. Da, ich hab´s: „Atemlos“. Das klingt super. Da gibt es zwar Bens Wissen nach einen älteren Erotik-Film, aber das macht nicht so viel. „Atemlos“ klingt packend, macht Lust auf mehr, nimmt nichts vorweg. Das ist es. Ich nenne die Geschichte „Atemlos“. Ben schreibt den Titel über die erste Zeile. Die Geschichte muss in Bens Wohnung weiterspielen, denkt sich Ben.
Szenenwechsel.
Ben saß vor dem Fernseher. Es lief gerade ein Bericht über den Banküberfall. Er war erst seit einer Stunde zuhause. Vorher hatten ihn noch Polizisten befragt. Sie glaubten, er hätte das Gesicht des Bankräubers gesehen.
Plötzlich fühlt Ben sich unwohl. Ihm ist schwindelig, seine Brust schmerzt fürchterlich. Er umklammert sie mit der linken Hand. Er krampft sich zusammen. Mit der rechten Hand hält er den Kugelschreiber fest und führt ihn versehentlich an das Papier. Sein Herz hört auf zu schlagen. Und durch den Kugelschreiber gleitet seine Seele geradewegs in die Geschichte. Ben ist jetzt Ben.
Innerhalb von Sekunden hat Ben seinen neuen Körper völlig angenommen. Er fühlt sich an wie sein eigener. Ben bemerkt so viele Details, die er beim Schreiben erwähnt hat. Da stehen eine Dose Bier, Kartoffelchips, die Wand ist fleckig. Das Zimmer wirkt irgendwie eigenartig eingerichtet, künstlich. Aber er weiß nicht genau, warum er das erkennt. Ben sieht wieder in den billigen taiwanesischen Röhrenfernseher. Es laufen nur Standbilder mit Tonfetzen. Ein Bild des maskierten Mannes, der auf den Kassierer feuert, dazu eine undefinierbar klingende Stimme: „Der brutale Räuber schießt auf den Bankangestellten. Der Bankangestellte verblutet.“ Ben schaltet den Fernseher aus. Er überlegt. Er ist etwas stolz, dass man nur bei näherer Betrachtung den artifiziellen Touch bemerkt. Ich bin doch kein so schlechter Erzähler, denkt Ben. Eigentlich stört es ihn überhaupt nicht, dass er tot ist. Auch findet er es nicht sonderlich verwunderlich, dass er jetzt in seiner Geschichte steckt. War es Zufall, dass diese Wohnung ihn an seine eigene erinnerte, oder hatte er es unbewusst so beschrieben? Was tun? Er fragt sich, ob die Geschichte nun weitergeht oder einfach abbricht, da er ja gestorben ist. Beides wäre nicht so günstig. Wenn sie weiterginge, hätte das unabsehbare Folgen, wenn nicht, wäre er ewig in ihr gefangen. Ben bevorzugt ersteres, er wüsste gerne, wie sich die Geschichte entwickelt. Er versucht sich zu erinnern, was er als Nächstes einbauen wollte.
„Ring ring“, es läutet wieder an der Tür. Da schießt es Ben durch den Kopf: Der Räuber, es muss der Räuber sein, er nimmt an, dass ich bei dem Überfall sein Gesicht gesehen habe und deshalb will er mich aus dem Weg räumen. Was tue ich jetzt? Die Polizei anrufen! Mein Handy, wo ist mein Handy? Es muss hier irgendwo herumliegen, doch wo? Scheiße, ich finde es nicht! „Ring ring ring.“ Ben schleicht zur Tür und sieht durch den Spalt. Er erblickt ein vermummtes Gesicht, dieselbe Maske wie beim Banküberall. Nun hämmert der Mann gegen die Tür. Schnell, es muss schnell gehen, ich habe keine Zeit mehr, denkt Ben. Er rennt zu einem der Wohnzimmerfenster, insgesamt sind es zwei. Warum zwei Fenster, denkt Ben, in meiner Wohnung befindet sich ja nur eines. Ach ja, ich bin ja jetzt in der Geschichte. Seine alte Wohnung lag im ersten Stock. Ben hantelt sich aus dem Fenster. Oje, das ist ja jetzt der dritte! Die Regenrinne ist nur einen Meter entfernt. Ben greift sie, hält sie mit beiden Armen fest und schlingt seine Beine um sie. Er beginnt sie hinunterzurutschen. Die Wohnungstür splittert. Ben springt. Aua, ein stechender Schmerz zuckt durch seinen linken Fuß. Ben steht auf, versucht einen Schritt, er kann mit diesem Fuß nicht mehr auftreten. Er stützt sich mit der linken Hand an der Hauswand ab und hüpft auf seinem rechten Bein, bis er hinter die Kante des Hauses gelangt ist, die von den Fenstern seiner neuen Wohnung nicht mehr einsehbar ist. Ben lugt von hinter der Hausecke hervor. Er sieht den maskierten Mann sich aus dem Fenster lehnen. „Ich muss fort von hier, sonst bin ich nochmals tot“, sagt sich Ben. Er humpelt, die Zähne zusammenbeißend und den Schmerz in seinem linken Fuß ignorierend, zum nächstgelegenen Haus, das sind nur in etwa fünfzehn Meter. Er läutet beim dortigen Hausmeister. Die Haustür ist glücklicherweise offen. Er tritt ein und schließt sie hinter sich. Der Hausmeister steht bereits vor der Tür zu seiner Wohnung, nur fünf Meter von Ben entfernt. „Helfen Sie mir bitte, ein Mann ist hinter mir her und will mich töten“, schreit ihm Ben entgegen. Der Hausmeister wirkt perplex, doch lädt er Ben in seine Wohnung. Er schließt die Tür von innen. Ben ist nun in Sicherheit. Die Frau des Hausmeisters hat die Wohnzimmercouch von den Spielsachen der Kinder befreit, auf der Ben jetzt liegt. Etwas sich sammeln, die Beine ausstrecken, Ruhe finden. Der Hausmeister überlässt Ben sein Handy. Er ruft die Notrufnummer der Polizei, die ihrerseits den Notarzt verständigt. Ben wundert sich. Er wollte die Geschichte so fortführen, dass der Bankräuber ihn angeschossen hätte. Zudem sind in der Wohnung des Hausmeisters und seiner Frau Spielsachen, aber keine Kinder. Er hat das Gefühl, sich vor einer Fassade zu befinden, die nicht in die Tiefe geht. Doch auch wie immer es sei, er ist verletzt und braucht Hilfe.
Schon nach etwas mehr als zehn Minuten klopft es an der Tür. Es sind zwei Polizisten, die Einlass begehren. Einer ist groß, blond und durchtrainiert und sieht irgendwie aus wie Dolph Lundgren, der zweite kleiner, und er hat einen Stoppelbart. Solch ein Aussehen ist bei der Polizei nicht gestattet, das ist Ben bekannt. Der Verlauf seiner Geschichte nimmt eine unnatürliche Wendung, sie wirkt nun ziemlich konstruiert. Er erzählt ihnen, was geschah. Es läutet an der Tür. Zwei Sanitäter mit einer Tragbahre und ein Arzt kommen herein. Der Arzt untersucht Bens verletzten Fuß. „Der ist wohl gebrochen“, sagt er, „wir bringen Sie jetzt ins Krankenhaus.“ Da bemerkt Ben, dass plötzlich die zwei Polizisten nicht mehr da sind. Sie sind aber nicht gegangen, sie sind einfach nicht mehr vorhanden, als ob sie sich in Luft aufgelöst hätten. Sie spielen momentan für den Verlauf der Geschichte keine Rolle, also sind sie einfach ausgespart worden. Ben legt sich auf die Bahre, die die Sanitäter ins Freie zum Krankenwagen tragen. Ihm fällt auf, dass dort nirgendwo andere Menschen sind, keine Autos fahren, es ist überhaupt nichts los. Da hat wohl jemand auf die Details vergessen. Mit Blaulicht geht es zum Krankenhaus. Die Fahrt dauert nur wenige Minuten. Als Erstes kommt Ben in die Notaufnahme, wo man seine Personalien aufnimmt und er den Hergang der Verletzung erzählt, danach setzt man ihn in einen Rollstuhl und eine platinblonde Krankenschwester mit einer Oberweite wie Jayne Mansfield schiebt ihn zum Röntgen. Es ist lediglich ein einfacher Bruch. Die Hollywood-Krankenschwester schiebt ihn weiter. „Na, haben wir beim Fußballspielen nicht aufgepasst?“, fragt sie. Seltsamerweise hat sie einen eindeutig amerikanischen Akzent und ihre Lippen sind schönheitschirurgisch perfekt für Kussszenen getrimmt. „Nein, ich habe ich bei einem Sprung verletzt“, antwortet Ben. Er hätte sich gewünscht, länger mit der Krankenschwester im Gespräch zu bleiben, doch sie befinden sich bereits vor dem Behandlungszimmer. Die Krankenschwester betätigt einen Schalter und eine Schiebetür öffnet sich. Sie schiebt Ben in den Raum und sagt: „So, jetzt muss ich Sie leider verlassen. Machen Sie´s gut.“ Ben sieht sich im Behandlungszimmer um. Die medizinischen Geräte sind uralt, sie sehen aus wie aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Da tritt ein Mann in einem weißen Kittel auf Ben zu, weißer Kittel ist gleich Arzt, weiß Ben. Allerdings sieht der Mann aus, als müsste er seit mindestens zwanzig Jahren in Pension sein. Ach du heiliges Kanonenrohr, denkt Ben, was ist nur aus meiner Geschichte geworden! „Oje, was haben wir denn da? Ein gebrochener Mittelfußknochen. Aber kein Problem, das habe ich in Null Komma Josef wieder eingerichtet“, sagt der Arzt mehr zu sich selbst als zu Ben, „vorher gebe ich Ihnen aber noch eine Betäubungsspritze.“ Er schneidet Bens Hose bis zum Knie auf, zieht Flüssigkeit in der Spritze hoch und injiziert sie in seinen verletzten Fuß. „Gut, das wäre nun erledigt. In fünf Minuten komme ich wieder, dann ist der Fuß betäubt“, sagt er und verlässt langsamen Schrittes, von denen ihm jeder Mühe zu bereiten scheint, des Raum. Ben denkt nach, nach seiner weiteren Version der Geschichte wäre er von dem Bankräuber angeschossen worden und nur durch eine sofortige Notoperation könnte er am Leben gehalten werden, so wie jetzt die Geschichte abläuft, kommt er eigentlich besser davon, zumindest vorläufig, es ist ja offen, wie es weitergeht. Der Arzt schlurft wieder auf ihn zu. „Ist es Ihnen möglich, den linken Fuß auf die Tischkante zu legen?“, fragt er Ben. Ben überlegt, dass dies doch keine übliche Behandlungsmethode darstellen könne, doch er hat keine Wahl, er muss das Spiel mitspielen. Er legt seine schmerzenden Fuß auf die Tischkante. „Wollen wir mal sehen“, brabbelt der Senioren-Arzt vor sich hin und sticht Ben mit einem spitzen Gegenstand in den Fuß. Keine Reaktion. „Gut“, sagt der Arzt, „dann wollen wir mal.“ Er umfasst Bens Fuß, knetet ein wenig an ihm herum und drückt dann mit viel Kraft gegen den Höcker, der heraussteht. Er zieht den Fuß lang und tastet ihn noch mehrmals ab. Der Höcker ist nun weg. „So, das müsste jetzt wieder passen“, sagt der Arzt, „ich schicke Sie vorher zur Überprüfung noch einmal zum Röntgen.“ Diesmal ist es eine schwarzhaarige Krankenschwester mit einer Figur wie eine Coca-Cola-Flasche, die Ben zum Röntgen schiebt, was nur wenige Minuten dauert, der Knochen war ordentlich eingerenkt worden, und dann weiter zum Gipszimmer. Ben wird ein Gips bis knapp unters Knie verpasst. Die Krankenschwester zieht einen Filzstift aus ihrem Kittel und malt ein rotes Herz drauf. Sie schiebt den Rollwagen mit Ben darin auf den Flur, der zum Ausgang führt. „Wir wären nun fertig mit Ihnen, Herr Wiederschwinger, nur noch einen kurzen Moment bitte.“ Die Krankenschwester geht kurz weg, Ben achtet auf ihren wippenden runden Hintern. Wenige Minuten später drückt sie Ben ein Kuvert mit dem Logo des Krankenhauses in die Hand. „Das sind Ihre Entlassungspapiere. Wenn Sie bitte hier warten würden, bis Polizeibeamte Sie abholen. Das geschieht nur zu Ihrem persönlichen Schutz. Passen Sie nur gut auf sich auf, Herr Wiederschwinger, auf Wiedersehen“, sagt die Krankenschwester und stöckelt davon. Der Ausgang ist gleichzeitig der Eingang, eine zweiflügelige Glastür, die aufgeht, wenn man einen Schalter antippt. Nur wenige Meter vor Bens Rollwagen ist rechts die Notaufnahme. Da werden die frisch Eingelieferten erstmals verarztet, wie zuvor auch Ben. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Gerade wird ein Mann auf einer Bahre hineingeschoben, über sich ein Laken, das voller Blut ist. Ein Sanitäter trägt sein frisch abgetrenntes Bein. Auch stehen auf dem Flur etliche Betten mit Patienten, die stöhnen und denen der Speichel die Mundwinkel hinabrinnt. Das Krankenhaus ist offensichtlich überbelegt. Und mittendrin sitzt Ben und hat nichts zu tun als zu warten. Wie lange noch? Das medizinische Personal ist in ständiger Eile, der Geräuschpegel ist hoch. Viele der Verletzungen, die Ben gezwungenermaßen zu sehen bekommt, sind wirklich arg, also zieht er sich in sich selbst zurück. Am schlimmsten ist es für ihn, dass er Schwarti nicht wiedersehen wird, da er sich ja nun in der Geschichte befindet. Außerdem gibt es da eine Frau namens „Gertrude“, die er kürzlich auf einer Lesung kennenlernte. Sie ist zwar optisch nicht gerade das Gelbe vom Ei, doch sie gab ihm ihre Nummer. In der Welt vor Bens Tod, die nun eine vergangene war. Wie würde die Geschichte wohl weiter verlaufen? Ben war gespannt und auch ziemlich ängstlich.
Jetzt geht die zweiflügelige Glastür auf und zwei Polizisten kommen auf ihn zu. „Guten Tag, Herr Wiederschwinger“, begrüßt ihn der ältere der beiden, „wir hoffen, es ist Ihnen Recht, wenn wir Sie nun zur Zeugenaussage ins Präsidium bringen und anschließend nach Hause, wo wir bis auf Weiteres für Ihren Schutz sorgen werden. Mein Name ist Georg Köpplinger und mein Kollege heißt Jens Nothdurfter.“ Der Jüngere nickt Ben aufmunternd zu, wobei sein Blick, wie Ben auffällt, recht lange an ihm haftet. „Etwas fehlt noch“, sagt er, „warten Sie bitte einen Augenblick.“ Er verschwindet im Schwesternzimmer und kehrt kurz darauf mit zwei Krücken mit blauen Griffen zurück. „Das macht 24,99 Euro, Herr Wiederschwinger, wollen Sie in bar zahlen oder mit Bankkarte?“ Ben gibt Jens 27 Euro: „Danke“, sagt er, „der Rest ist für die Kaffeekasse.“ Als der jüngere Polizist der Schwester das Geld überreicht, winken Ben zwei von ihnen aus ihrer Glaskanzel freundlich zu. „So, wir könnten jetzt gehen, sind Sie bereit?“, fragt der ältere Polizist. Ben nickt, schnappt sich die Krücken und steht etwas mühsam auf. Mithilfe der Krücken humpelt er aus dem Krankenhaus und setzt sich auf den Rücksitz des Polizeiwagens. Mit eingeschaltetem Blaulicht und Folgetonhorn fahren sie zum Polizeipräsidium. Nun sind die Straßen wieder belebt, Menschen in Fahrzeugen allerorts, sehr belebt sogar, zu belebt, wie in einem Kreisverkehr Kalkuttas. Es sind nur einige wenige Kilometer. Sie sind bereits vor dem Eingang. Die zwei Polizisten gehen voran, Ben folgt ihnen, noch etwas unsicher auf seinen Krücken. Er registriert, dass es im Inneren des Präsidiums sehr sauber ist, unheimlich sauber, abartig sauber. Da ist kein einziges Staubkörnchen, weder in der Luft noch auf den Schreibtischen, auch nicht auf den Böden, nirgendwo. Die meisten Büros sind groß und mittels Glastrennwänden voneinander abgeteilt. Manche Büros, wahrscheinlich die der Vorgesetzten, sind nicht einsehbar, hinter schweren Holztüren verborgen. Ben sieht Verdächtige, die verhört, Zeugen deren Aussagen protokolliert werden, Menschen jedes Alters und Ranges. Was auffällt, ist dass die Polizistinnen unverschämt gut aussehen, üppige Oberweiten mit schlanken Taillen, lange Beine und Gesichter wie griechische Statuen oder mindestens Filmsternchen. Ben wurmt es, dass er nicht plante, Sexszenen einzubauen, es wäre hier so passend gewesen. Diese Polizistinnen haben sogar diesen Schlafzimmerblick. Ihre Optik und ihr Verhalten, wie sie beispielsweise beim sich Niedersetzen die Beine übereinanderschlagen und dabei die ohnehin schon kurzen Röcke (Röcke? warum eigentlich Röcke?, wir sind ja hier nicht in Nordkorea, wieder ein Fehler!) hinaufziehen, schreit geradezu danach. Aber, denkt Ben, was nicht vorgesehen wurde, wird auch nicht ausgeführt. Schade darum, irgendwie. Die beiden Polizisten Georg und Jens geleiten Ben zu solch einer massiven Holztür, hinter welcher das Büro des Polizeiobersten liegt, „Oberst Franz Nimmerrichter“ steht da als Namensschild. Georg klopft gegen die Tür. „Herein! Wer wagt es, mich zu stören?“, hört Ben eine aufgebrachte Stimme. Georg öffnet die Tür und duckt sich leicht, als er sagt: „Grüß Gott, Herr Oberst, wir bringen Ihnen Herrn Ben Wiederschwinger, Sie wissen doch, der Mann, der sich am nächsten bei dem Bankräuber befand.“ Nun betreten Ben und Jens das Büro. Oberst Nimmerrichter, der hinter seinem Schreibtisch sitzenbleibt, hat eine gewaltig große Nase. „Sie haben ja ewig gebraucht. Wo waren Sie denn so lange?“, herrscht er vermutlich völlig grundlos, es liegt ihm anscheinend einfach daran herumzubrüllen, die beiden Polizisten an. Zu Ben sagt er geradezu freundlich, oder ist es nur heimtückisch: „Nehmen Sie doch bitte Platz, Herr Wiederschwinger.“ Er dehnt den Zunamen. Plötzlich grinst er und fährt fort: „Wiederschwinger“, das erinnert mich doch irgendwie an Tiger Woods und „schwing den Schläger“.“ Er sieht geradewegs in Bens Gesicht. Der findet das überhaupt nicht lustig. „Nun ja“, räuspert sich nun Oberst Nimmerrichter, „war ja nur ein kleines Späßchen am Rande, um die Stimmung ein wenig aufzulockern. Herr Wiederschwinger, die beiden Beamten berichteten mir bereits, was Ihnen zugestoßen ist. Jetzt würde ich gerne aus Ihrem Mund erfahren, wie sich der Vorfall abgespielt hat.“ Ben erzählt ihm, was sich zugetragen hat, wobei er sich bemüht, auch Nebensächlichkeiten nicht außer Acht zu lassen. Die beiden Polizisten Georg und Jens haben sich derweilen hinter Ben positioniert, sie stehen richtig stramm, ihre Gesichtsausdrücke sind unbewegt. „Schlimm, schlimm, eine schlimme Sache ist das“, äußert sich nun Oberst Nimmerrichter, „Sie erhalten für die nächste Zeit ständigen Personenschutz durch die Beamten Köpplinger und Nothdurfter, die Sie ja bereits kennengelernt haben. Sie werden Sie niemals unbeaufsichtigt lassen.“ Die beiden Polizisten nicken dienstbeflissen. „Abschließend erlauben Sie mir bitte noch eine Frage“, sagt Oberst Nimmerrichter, wie höflich er doch sein kann, „können Sie sich wirklich bezüglich des Aussehens, seiner Gestik oder der Stimmlage des Bankräubers an überhaupt nichts erinnern? Jede noch so winzige Kleinigkeit könnte uns eine große Hilfe sein.“ Nein, Ben schüttelt den Kopf. „Es tut mir leid“, sagt er, „ich weiß wirklich nichts.“ „Schade, wirklich schade“, bringt Oberst Nimmerrichter das Gespräch zu Ende, „Auf Wiedersehen, Herr Wiederschwinger, meine Beamten sind gute Jungs, sie werden sich bestmöglich um Sie kümmern.“ Er senkt den Blick und begutachtet irgendwelche Akten, was wohl das Zeichen ist, dass Ben jetzt gehen soll. Ben rückt den altmodischen, abgewetzten, billigen Holzstuhl, auf dem er saß, hinter sich, sagt kurz: „Auf Wiedersehen, Herr Oberst“, dreht sich um und geht auf die Bürotür zu. Jens öffnet sie ihm. Zu dritt gehen sie zum Polizeiwagen. Jens lenkt den Wagen. Georg sitzt auf dem Beifahrersitz, Ben hinten. Ziemlich viele Autos sind auf den Straßen, altertümliche Autos, eckige, die meisten weiß, wie es Anfang der siebziger Jahre des alten Jahrhunderts üblich war. Da passt schon einiges nicht zusammen, denkt Ben. Er freut sich auf zuhause. Noch einige Häuserecken, dann sind sie da. Jens parkt den Wagen vor Bens Wohnblock. „Weißt du was“, sagt nun Georg zu Jens, „es ist zwar nicht erlaubt, aber du wirst dem Alten davon ja nichts erzählen: Ich besorge uns schnell mal etwas zu essen. Es wird nicht lange dauern. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn du solange mit Herrn Wiederschwinger alleine bist.“ „Kein Problem, Georg“, sagt Jens, „geh nur.“ Ben und Jens treten in den Aufzug. Die Kabinentür schließt sich. „Sagen Sie mal, Ben“, beginnt da Jens zu fragen, haben Sie den Bankräuber wirklich nicht erkannt? Ich meine, könnten Sie ihn vielleicht anhand seiner Stimme oder Statur oder seiner Art, sich zu bewegen, identifizieren?“ „Nein, ich denke nicht“, erwidert Ben, „sein Gesicht habe ich nicht gesehen, er war mittelgroß, in etwa wie Sie, aber Sie haben Recht, seine Bewegungen waren etwas abgehakt.“ Sie waren bereits vor der Wohnung angekommen. Ben sperrt sie auf. „Wollen Sie vielleicht ein Bier?“, fragt er, „ich brauche jetzt eines.“ „Eigentlich dürfte ich das nicht, ich bin ja im Dienst, doch warum eigentlich nicht? Geben Sie mir doch bitte eines.“ „Da.“ Ben reicht ihm eine Dose. Sie setzen sich an den Küchentisch. „Prost, auf Ihre Gesundheit, Ben“, sagt Jens zwinkernd. „Danke, ich hoffe, sie bleibt mir noch länger erhalten“, entgegnet Ben. Ruckartig, irgendwie roboterhaft bewegt Jens die rechte Hand, die die Dose hält und nimmt einen tiefen Schluck. Schlagartig wird Ben etwas mulmig. „Also, Sie sind der Meinung, Sie könnten den Bankräuber nicht eindeutig wiedererkennen, Ben?“, fragt Jens wiederrum, insistierend, wie es Ben scheint. „Wenn er nicht direkt vor mir wäre wahrscheinlich nicht“, antwortet Ben. Jens streckt, die Bierdose in der Hand, seinen Arm gerade aus, um sie auf dem Tisch abzustellen, wobei er an Bens Schulter stößt. Bier schwappt aus der Dose und bekleckert Jens´ Hose. „So ein Mist! Wie kann so was nur passieren!“, sagt Jens, nicht schreiend, aber sehr scharf. Ben wird jetzt noch deutlich unwohler zumute. Wie war das doch, erinnert er sich: „Alle sofort auf den Boden legen und Hände hinter dem Nacken verschränken!“ Dieser Befehlston, den hatte er schon mal gehört, damals, bei dem Banküberfall, eindeutig, ohne Zweifel. Er bemüht sich, sich nicht anmerken zu lassen. „Warten Sie einen Moment bitte, Jens, ich hole Ihnen schnell ein Handtuch aus dem Bad, um den Fleck sauber zu waschen.“ Flucht ist nun in Bens Kopf, nur noch Flucht. Hat Jens seine Reaktion wahrgenommen und richtig gedeutet? Ben steht rasch auf, holt aus dem Badezimmer das Handtuch und von einem Ablagefach im Vorraum eine Schere, die er in seine rechte hintere Hosentasche steckt. Wieder in der Küche blickt er in den Lauf einer Pistole, die Jens auf ihn gerichtet hält. „Das Spiel ist aus“, sagt Jens, „eigentlich tut es mir ja fast leid um dich, aber ich kann nicht anders. Schade um dich.“ Ben steht nur etwas über einen Meter von ihm entfernt. Seine allerletzte Chance, er springt auf ihn zu und rammt die Schere in seinen Hals. „Du mieses Schwein!“, schreit er noch, dann hört er den Schuss knallen. Ben fällt zu Boden. Jens ebenfalls. Ben zieht die Schere heraus und sticht noch einmal in den Bereich von Jens´ Kehlkopf. Blut schießt aus beiden Wunden. Jens röchelt noch ein letztes Mal. Ben will sich aufrichten. Es geht nicht. Er spürt einen stechenden Schmerz in seiner Brust. Blut füllt seine Lungen. Ben stirbt.
Seine Augen sind offen. Er sieht Schwarti auf einem blauen Lehnstuhl an seinem Schreibtisch sitzen. Vor ihm sind unzählige von seiner Hand beschriebene linierte Blätter. Auch seine anfänglichen Seiten der Geschichte auf weißem Papier kann er entdecken. „Atemlos“, die Geschichte, so wie jetzt er. Ben sieht, wie Schwarti hinter dem Satz
Ben stirbt
den letzten Punkt setzt. Er legt seine rote Füllfeder weg und dreht sich um. Er sieht direkt in Pottwal Kirks Richtung. Lächelt er ihn an oder kommt es Ben nur so vor? Ein bisschen enttäuscht ist er schon, so toll ist die Geschichte leider nicht geworden. Schwarti ist auch kein besserer Schreiber, als ich es gewesen bin, der Apfel fällt halt doch nicht weit vom Stamm. Aber freundlich ist er und wird es bleiben, mein herzallerliebster Sohn.





Letzte Aktualisierung: 18.06.2017, 17:55 Uhr
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