Backwoods – Die Jagd beginnt

Bild

Originaltitel: Bosque de sombras Alternativtitel: BackWoods; Backwoods; The Backwoods
Darsteller: Gary Oldman (Paul), Paddy Considine (Norman), Aitana SĂĄnchez-GijĂłn (Isabel), Virginie Ledoyen (Lucy), LluĂ­s Homar (Paco), Yaiza Esteve (Nerea), AndrĂ©s GertrĂșdix (Antonio), Jon Ariño (LechĂłn), Kandido Uranga (Miguel), Álex Angulo (Jose AndrĂ©s), Savitri Ceballos (Jose AndrĂ©s' Tochter), Patxi Bisquert (JosĂ© Luis), JosĂ© AndrĂ©s Zalguegui (Barkeeper)
Produktionsfirma: Filmax International; Monfort Producciones, Canal+
Produktion: Guillaume Benski, Julio FernĂĄndez, Aitor Lizarralde, Pablo Mehler, Iker Monfort, Jolyon Symonds
Regie: Koldo Serra
Drehbuch: Jon SagalĂĄ, Koldo Serra
Musik: Fernando VelĂĄzquez
Kamera: Unax MendĂ­a
Schnitt: Javier Ruiz
Spezialeffekte: Pau Costa
Visual Effects: Iñigo Remacha
Verleih: e-m-s
ErstauffĂŒhrung: Frankreich 18.5.2006 (Cannes Film Market), Spanien 24.9.2006 (San SebastiĂĄn Film Festival), Spanien 16.2.2007 e-m-s media 6.12.2007 Spanien, England, Frankreich 2006
93:24 Minuten (+ Zusatzmaterial: Originaltrailer Deutsch 2:41, Englisch 2:41; Bio-/Filmografien zu Gary Oldman 8 Seiten, Virginie Ledoyen 8 Seiten, Koldo Serra 4 Seiten; Fotogalerie 3:59; Making of 18:38), 14 Kapitel
Widescreen 2,35:1 anamorph
Deutsch Dolby Digital 5.1, Englisch Dolby Digital 5.1, Deutsch DTS; Untertitel: deutsch
LĂ€ndercode: 2 DVD-9 (7,34 GB) FSK: 16


Inhalt:
Nordspanien Ende 1978: Das englische PĂ€rchen Norman und Lucy ist mit den befreundeten Paul und Isabel auf dem Weg zu dem abgeschieden im Wald liegenden Anwesen, welches Paul von seiner Großmutter geerbt hat. Bereits beim kurzen Zwischenstopp in einem nahegelegenen Dorf wird klar, dass die Einheimischen hier nicht gerade gut auf Fremde zu sprechen sind und sie nur zu gerne verhöhnen. Doch auch zwischen den MĂ€nnern und ihren Frauen ist nicht eitel Sonnenschein, was zu einigen unschönen Szenen fĂŒhrt. Norman und Paul ziehen zur Jagd los und stoßen dabei auf ein scheinbar verlassenes Haus, in dem sich jedoch ein völlig verwahrlostes und missgebildetes Kind befindet, welches sie prompt mitnehmen. Der Plan, die Kleine zur hiesigen Polizei zu bringen scheitert an einem umgefallenen Baum und so bleibt das Kind zunĂ€chst bei Ihnen, doch es tauchen einige Dorfbewohner auf, die nach dem MĂ€dchen suchen. Weil er ihren Absichten misstraut, behauptet Paul nichts von dem Kind zu wissen, und schließt sich ihrem Suchtrupp an – doch die einfachen Dorfbewohner sind nicht so einfĂ€ltig wie gedacht und es kommt zum tödlichen KrĂ€ftemessen


Meinung:
Koldo Serra (Amor de madre) konnte bereits mit seiner zweiten Kurzfilmarbeit als Regisseur und Drehbuchautor, El Tren de la bruja, vier Awards einheimsen. Im eigenen Lande ist er vor allem durch diese frĂŒhen Shortys und – wie auch sein Drehbuchkollege Jon SagalĂĄ – Arbeiten fĂŒrs spanische Fernsehen bekannt geworden. Bei seinem ersten Fullfeature Bosque de sombras orientiert er sich an amerikanischen HinterwĂ€ldler Terrorfilmen, was auch ganz klar mit dem englischen und deutschen Titel zum Ausdruck gebracht wird. Backwoods ist nĂ€mlich auch ein Genre von Filmen, das in den siebziger und achtziger Jahren seinen Ursprung hat, und dessen Vertreter meist aus dem angloamerikanischen Raum stammen. Dabei dreht es sich um eine Gruppe von meist jungen Menschen, die in eine kulturell anders oder weniger entwickelte Gegend fĂ€hrt und keinerlei Möglichkeit zur Kommunikation mit ihrer Außenwelt hat. NaturgemĂ€ĂŸ kommt es zu einem Zusammenstoß der Ideologien, Kulturen und meist auch Generationen, wie auch hier. Bereits nach wenigen Minuten fĂŒhlt sich der Zuschauer ĂŒberzeugend in die spĂ€ten achtziger Jahre und nach Spanien aufs Land versetzt. Es zeigt sich sehr schnell, dass nicht nur die Amerikaner ein Anrecht auf sehr simpel gestrickte Geister vom Land, sprich: HinterwĂ€ldler, haben. Da die Handlung zudem in eine Zeit ohne Mobilfunk Terrorismus angelegt ist, steht der ausweglosen Situation auch nichts im Wege. Ähnlich wie in Straw Dogs von Sam Packinpah (Convoy, Getaway, The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz) treffen vermeintlich abgeklĂ€rte StĂ€dter auf eine Gemeinschaft von teilweise verschworenen Landbewohnern, denen man aufgrund ihrer sehr eigenen Verhaltensweisen und Meinungen nur allzu gerne traditionelle Inzucht unterstellen möchte. Die jeweilige Frau will provozieren und das ohne an die schlussendlichen Konsequenzen zu denken – oder sie schlicht und ergreifend zu ignorieren. In beiden Filmen dreht es sich um jemanden, der aus der Dorfgemeinschaft stammt und sich bei den StĂ€dtern befindet, und hier hören auch die Gemeinsamkeiten schon auf. Im einen Fall (Straw Dogs) handelt es sich um den Dorftrottel, der durch ein Versehen die Tochter des hiesigen SĂ€ufers und RĂŒpels tötet – beim anderen (Backwoods) ist ein kleines missgebildetes MĂ€dchen, welches in einem WaldhĂ€uschen eingesperrt wurde, der Stein des Anstoßes. Auch die Reaktion der MĂ€nner ist unterschiedlich herausgearbeitet, denn wĂ€hrend Dustin Hoffman sich in seiner Rolle einfach nur auf brutale Art und Weise verteidigt und so mit den Angreifern auf eine Stufe stellt, ĂŒberschreitet Paddy Considine (Das Bourne Ultimatum, Hot Fuzz – Zwei abgewichste Profis, Das Comeback) ganz klar diese Linie. Die Verwandlung vom zurĂŒckhaltenden britischen Ehemann zu einem unkontrollierbaren Wilden beginnt bereits in den ersten Minuten und zieht sich durch die gesamte Handlung, was die Entwicklung sehr glaubhaft umsetzt. Es wird einiges an Interpretationsmöglichkeiten, vor allem bei der Frage, wer hier wirklich der kranke Geist ist, aufgebaut. Nicht nur in diesen Punkten hat der Spanier den Film gegenĂŒber seinem Vorbild verĂ€ndert und weiterentwickelt, weshalb der Vorwurf der bloßen Kopie auch ungerechtfertigt ist. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen Streifen der das PrĂ€dikat „Hommage“, wie es der Spanier bereits im Vorspann andeutet, auch verdient, da er eine Verbeugung vor dem Original vollfĂŒhrt und außerdem die eigenen Ideen mit einbringt. So beispielsweise die interessante Figur, die Gary Oldman (Harry Potter und der Orden des Phönix, Das fĂŒnfte Element, Leon der Profi) anscheinend auf den Leib geschneidert wurde, und die er auch ohne große MĂŒhe mit einer sehr ansprechenden PlastizitĂ€t und absoluten Höhepunkten auszustatten versteht. Die eine oder andere mehr oder minder große Überraschung bei diesem Charakter entspringt zwar dem Drehbuch, doch durch seine PrĂ€senz und den „wahren Mann“, den er verkörpert, ist er stets gut fĂŒr Aha-Momente. Nach einigen erfolglosen Jahren darf unter UmstĂ€nden auf eine RĂŒckkehr des vielseitigen, aber offensichtlich auch nicht sehr einfachen Mimen gehofft werden. Auch Paddy Considine liefert saubere Arbeit ab, wenn er auch nicht ganz so brillieren kann wie sein bekannter Kollege. Das liegt jedoch auch in der Natur der Sache, da sein Part ein durchgĂ€ngig mehr von ihm verlangt – vor allem ab dem Moment, in welchem durch das archaische Jagen der „Mann“ in ihm geweckt wird. Doch trotz der Tatsache, dass Oldman von Anfang an der beste AnwĂ€rter fĂŒr den Posten der Identifikationsfigur ist, kann Considine eine stĂ€ndig wachsende PrĂ€senz aufbauen. Aitana SĂĄnchez-GijĂłn (Der Maschinist, Ich habe keine Angst, The Monk) liefert ihrem Filmpartner Oldman einen guten Konterpart, wenn die Figur der Isabel im Drehbuch auch nicht besonders ausgearbeitet ist. Trotz der Ruppigkeit, die ihren Umgang miteinander kennzeichnet wirken sie wie eine solide Einheit, und kraftvolles Spiel trĂ€gt zur Glaubhaftigkeit bei. Virginie Ledoyen (Saint Ange, The Beach, Blutiger Engel) muss als Lucy demgegenĂŒber eine deutlich zerrissenere Person verkörpern, deren Beziehung mit dem im Gegensatz zu ihr verhaltenen Norman stark am kriseln ist. Aufgrund der unerfĂŒllten Beziehung provoziert sie dann mit ihrer koketten Art nicht nur ihren Mann, sondern die gesamte Umwelt. Außerdem sticht noch LluĂ­s Homar in der Rolle des AnfĂŒhrers vor allem durch seine nuancierte mimische Leistung aus der restlichen Cast hervor. Auch die Inszenierung von Koldo Serra trĂ€gt FrĂŒchte, denn der Regisseur versteht es gut, die alteingesessenen Familienstrukturen auf die modernen „Zivilisierten“ treffen zu lassen. Doch es zeigt sich schnell, dass auch innerhalb dieser distinguierten Menschen nicht alles in Ordnung ist, da es innerhalb der Gruppe auch nicht immer ganz genau genommen wird mit der Wahrheit. Die Werte von Gut und Böse beginnen zwischen den unterschiedlichen Kulturen zu verschwimmen und teils sogar umzukehren. Hinzu kommen Konflikte zwischen den Geschlechtern, die partiell offen, aber im Besonderen passiv aggressiv und unterschwellig gefĂŒhrt werden und auch fĂŒr Konflikte mit der Außenwelt sorgen. AdĂ€quat angedeutet wird das bereits gleich am Anfang des Films wenn wĂ€hrend der Autofahrt im Radio ein Lied mit folgender Textpassage lĂ€uft: „There‘s a war, between the rich and the poor. There‘s a war between the men and the women”. Durch eine recht dichte AtmosphĂ€re wird genug Spannung erzeugt, um den Film tragen zu können – im Gegensatz zu den gerade wieder modernen HinterwĂ€ldler Slashern, die mit Bodycount zu glĂ€nzen versuchen. Es wird nicht nur auf plumpen Splatter, sondern auch auf die Charakterisierung der Einwohner als blutrĂŒnstige Schlachter verzichtet, wodurch alles auf eine reale Ebene gebracht wird. Man hĂ€lt man sich dezent zurĂŒck, denn bis auf wenige Momente in denen blutige Ergebnisse von Schrotgewehr SchĂŒssen gezeigt werden, geschieht das wirklich erschreckende im Off, und das ist auch gut so. Interessant ist ĂŒbrigens, dass die Zeit gewĂ€hlt wurde, um eben gar nicht erst an die Probleme des Mobilfunks zu stoßen – auch sonst entzieht sich der Macher des ErklĂ€rungszwangs und lĂ€sst den Film weitestgehend fĂŒr sich selbst sprechen. Was nicht zuletzt auch durch die Bilder von Unax MendĂ­a (The Horror Anthology Vol. 4 – A real Friend, Torrente 3: El protector, The City of No Limits) realisiert wird. Die Abgeschiedenheit des Hauses, die Einsamkeit und scheinbare Unendlichkeit des schaurigen Waldes tragen durch die Art wie sie eingefangen sind maßgeblich zur AtmosphĂ€re und zum Teil auch der Spannung bei. Ähnlich sieht es bei der Musik aus, die zwar sparsamer eingesetzt wird, aber doch meist den richtigen Punkt trifft.

Ausstattung:
Das Bild der e-m-s media DVD bietet keinen Grund zur Klage: bereits die SchĂ€rfe hat sehr gute Werte, die jedes Detail adĂ€quat transferiert. Selbst in dunklen Momenten gibt es keine AusfĂ€lle zu beklagen und auch analoge Defekte glĂ€nzen durch Abwesenheit. Die Farben sind blass gehalten, was allerdings ein gewolltes Stilmittel der Filmemacher zur Stimmungsvisualisierung ist – Helligkeit und Kontrast sind sehr ausgewogen.
Auch tonal wird saubere Arbeit abgeliefert und auf allen Spuren sehr gute DialogverstĂ€ndlichkeit geboten. Surround gibt es zwar vor allem in der ersten HĂ€lfte des Films bedingt durch die ruhige Inszenierung nur wenig zu hören, doch insgesamt bieten selbst ruhige Passagen einige sehr gut abgemischte direktionale Effekte der Umgebung. Was die Auswahl der Spuren angeht, so bietet das deutsche DTS – wie meistens – mehr Druck in den Tiefen und insgesamt mehr Volumen.
FĂŒr eine regulĂ€re Edition wird einiges an Zusatzmaterial geboten, allen voran natĂŒrlich anamorph kodierte Originaltrailer in Deutsch und Englisch. Die Bio-/Filmografien zu Gary Oldman, Virginie Ledoyen und Koldo Serra lesen sich interessant – bei letzterer hat sich allerdings im MenĂŒ ein Fehler eingeschlichen, der die Navigation auf die Textseiten erschwert. Nett anzuschauen ist die Fotogalerie, doch interessant wird es beim spanischen Making of (deutsch untertitelt), welches einen interessanten Einblick in die Dreharbeiten sowie kurze Interviewschnipsel bietet, welche trotz gegenseitigem Lob authentisch wirken.

Fazit:
Empfehlenswerter Film der seinem Vorbild durchaus das Wasser reichen kann und ihn außerdem noch um weitere Blickwinkel erweitert – in einer sauberen DVD Umsetzung, die bei anderen Labels schon als Special Edition durchgehen wĂŒrde !!!

© Heiko Henning
29.2.2008


Infos beim Vertrieb/Verlag:
http://www.e-m-s.de/dvd.php?name=116307 (externer Link!)

Bei Amazon bestellen:
Amazon




Letzte Aktualisierung: 02.10.2017, 23:48 Uhr
(c) Twilightmag 2016
Version: 5.0