Thomas Ligotti
Das Alptraum Netzwerk

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Edgar Allan Poes Phantastische Bibliothek 2
Blitz Verlag GmbH
Hurster Strasse 2
51570 Windeck
http://www.BLITZ-Verlag.de
Kaegelmann@t-online.de
Tradepaperback 10.2003
ISBN 3-89840-922-8
Ăśbersetzung: Monika Angerhuber
Originaltitel: My work is not yet done
172 Seiten 990


Inhalt:
Meine Arbeit ist noch nicht erledigt, sagt sich Frank Dominio, als er nach Jahren des Schuftens in einem gerade in der Restrukturierung befindlichen Großunternehmen einen revolutionären neuen Plan hat. Sein Vorgesetzter Richard ist sofort sehr angetan, auch wenn er es sich nicht direkt anmerken lässt – Frank soll ihm einen Entwurf geben, der dann von ihm der Geschäftsleitung unterbreitet wird. Doch offiziell ist der Plan nie ein Thema, weshalb Frank misstrauisch wird, und langsam jeden um ihn herum der Niedertracht bezichtigt – wobei er sich bestätigt fühlt, als er nach nicht erfolgter Abgabe des Plans immer offensichtlicher gemobbt wird. Er schwört Rache an diesen Leuten zu nehmen, die ihn seiner Lebensgrundlage beraubt haben, und beginnt sich auf einen Massenmord vorzubereiten, zu dem es so allerdings nie kommt, da er sich nach einem Unfall als eine Art Geist wieder findet. Doch sein Hass brennt auch weiter in ihm, und so findet er Wege und Möglichkeiten, die Rache dennoch auszuführen, auch wenn er nicht ganz versteht, wer hier wie die Fäden zieht… Ich habe einen speziellen Plan für diese Welt, scheint das Motto der Blaine Company zu sein, die ihre Büros vor kurzem in die so genannte Mordstadt verlegten. Einer ihrer niederen Mitarbeiter erkennt, dass dieser Name nicht von ungefähr kommt, und der Standort aus Gründen der ständig vorherrschenden Spannung zwischen den Mitarbeitern – die dadurch in ihrer Sichtweise stark eingeschränkt werden – ausgewählt wurde. Alles scheint darauf ausgerichtet zu sein, sich etlicher „kleiner“ Mitarbeiter zu entledigen, doch was hat Mister Blaine wirklich im Sinn… Das Alptraum-Netzwerk offenbart sich in dem Wandel eines riesigen Unternehmens zu einem wahren wuchernden Virus der Gesellschaft, das außer Ressourcenvernichtung keine Existenzberechtigung mehr hat…

Meinung:
Der Lohn des Lebens – Meine Arbeit ist noch nicht erledigt (My work is not yet done) ist eine Art Novum für den sonst auf Kurzgeschichten oder abstrakte Texte fixierten Thomas Ligotti. Mit über hundertzehn Seiten im vorliegenden Satz erreicht die Geschichte die Länge einer Novelle, in welcher der Autor unter Beweis stellt, dass er auch Charaktere und Szenarien für diese Textlänge anzulegen versteht. Der Spannungsbogen, welcher sonst auch weniger zu seinem Handwerkszeug gehört, ist ebenfalls sauber gesetzt, und den Leser erwarten einige Überraschungen und Kehrtwendungen der Storyline. Nachdem das Gefühlsleben und die Umgebung der Figur vorgestellt wurden, zieht Ligotti den Rezipienten sofort in einen Strudel der Paranoia, welcher ihn tief in die Geschehnisse hineinreißt. Nicht zuletzt durch die Parallelen mit eigenen Ängsten wird der Hauptcharakter schnell zur Identifikationsfigur, und langsam beginnt man daran zu zweifeln, dass die immer stärkeren Anfeindungen ganz alleine der Fantasie der Figur entsprechen. Die Nähe zur heutigen Gesellschaft, die zum Teil durchaus den beschriebenen Kurs eingeschlagen hat, sorgt ebenfalls für tiefes Einsteigen in das Geschehen. Der Leser wird von der fesselnden, psychologisch ausgefeilten und sehr plastisch erzählten Story schnell in den Bann gezogen, und nicht mehr losgelassen. Selbst dann nicht, wenn der alltägliche Horror des ersten Teils dem Übersinnlichen im zweiten nahezu komplett weicht. Der Existenzkampf des Individuums wird in nie geahnte Höhen katapultiert, was zwar im ersten Augenblick ein wenig verwirrt, dann aber umso mehr fesselt. Diese Geschichte ist auf jeden Fall jene, die inhaltlich am längsten im Gedächtnis bleibt und für einige nachdenkliche Momente sorgt. Nicht umsonst wurde My work is not yet done 2003 mit dem „Bram Stoker Award“ und dem „Horror Guild Award“ gekrönt. Die Wiederkunft der Toten – Ich habe einen speziellen Plan für diese Welt schlägt mit dem gleichen Thema in eine andere Kerbe, denn die zwanzig Seiten Kurzgeschichte sind wesentlich mehr verschlüsselt, was ein direktes Konsumieren deutlich erschwert. Dafür werden einige Bilder verfallener Gebäude plastisch im Kopf des Lesers heraufbeschworen, die sich dort mit einer selten starken Intensität einbrennen. Leider überzeugen die Metaphern, wie das durch wenig Sicht hervorgerufene Ineinanderrennen, nicht immer, und hinterlassen einen eher durchwachsenen Gesamteindruck. Das wird zwar größtenteils durch die ansonsten ausgefeilte Schreibweise, mit der eine verstörende Atmosphäre heraufbeschworen wird, kompensiert, aber eben nicht komplett. Nicht ganz passen will das Finale, welches positiv erscheint, und nur in der schlussendlichen Konsequenz ein ganz eigenes Grauen offenbart. Geschäftsauflösung – Das Alptraum-Netzwerk steigert die Komplexität der Codierung und setzt mit der Erzählweise noch einen drauf. Die Handlung wird dem teils etwas verwirrten Leser Fragment für Fragment in Kleinanzeigen, Szenenbeschreibungen, Videonacherzählungen, Memos und Notizbüchern entgegengeschleudert. Die jeweiligen Szenerien sind sehr beeindruckend, und doch ist der eigentliche rote Faden meist nicht greifbar. Die Collage aus Satzbauten wirkt, gerade im Vergleich zur ersten Geschichte, eher wie ein literarisches Experiment, welches aus Freude am Schreiben entstanden ist. Inhaltlich passt der Text jedoch sehr gut in die Anthologie, da es auch hier um das Wuchern von Firmen und Gesellschaften geht, die auf dem Weg zur Globalisierung dem Größenwahn verfallen. Nachwort – Das ultimative Objekt des Abscheus befasst sich schlussendlich nicht nur mit Thomas Ligotti und seinen schriftstellerischen Kollegen. Auch der Person des Autors selbst wird eine gewisse Aufmerksamkeit gewidmet. Den größten Teil des Nachworts von Thomas Wagner (dem Lebensgefährten von Monika Angerhuber) macht allerdings eine interessante Betrachtung des Werks aus. Bestandteile wurden aus Interviews entnommen, die Angerhuber und Wagner mit Ligotti geführt haben, was dem Text einen zusätzlichen Reiz verleiht. Die Schilderungen und Betrachtungen über und zu dem Autor sind analytisch treffend auf den Punkt gebracht und zum Glück weit davon entfernt trocken dozierend zu wirken. Das Alptraum Netzwerk präsentiert „Drei Wirtschaftshorrorstories“, doch kreiert der Autor wirklich eine neue Stilrichtung des Genres? Auf jeden Fall sind die Geschichten anders, als das, was einem der amerikanische Markt sonst so bietet. Überhaupt sagt man über Thomas Ligotti, er sei der europäischste aller amerikanischen Horrorautoren, und das sicher nicht ohne Grund. Der Einfluss diverser europäischer Surrealisten, die er studiert hat, ist überall in seinen Werken deutlich zu spüren, und grenzt durch den Tiefgang und das teilweise starke verschlüsseln der Handlung von seinen angloamerikanischen Kollegen ab. Was die Themen angeht, so übernimmt sie der Schreiber aus seinem eigenen Alltag, in welchem er in diesem Fall das Wirtschaftsleben mehr als überdeutlich hasst. An der einen oder anderen Stelle findet sich allerdings auch der Leser selbst wieder, was das Grauen umso intensiver werden lässt. Der Moloch der Geschäftswelt ist ihm offensichtlich äußerst zuwider und der aus ihr resultierende Zwang zum Konformismus ist das perfekte Horrorszenario. Umso erstaunlicher ist es, dass er seiner Tätigkeit bei einem Detroiter Verlag so emsig nachkommt, dass ihm nur wenig Zeit für das Schreiben von Geschichten bleibt. Doch des Rätsels Lösung ist ganz einfach, denn Ligotti will kein hauptberuflicher Autor werden, der Bestseller schreibt. Er hat selbst erkannt, dass sein Erzählstil keinesfalls Massenkompatibel ist, und er lediglich einen kleinen, aufgeschlossenen Kreis an Lesern ansprechen wird. So ist dann auch die Empfehlung an die potentielle Leserschaft – wer sich von vornherein auf eine anspruchsvollere Lektüre einstellt, wird mit einem Buch belohnt, wie es selten auf dem deutschen Markt erscheint, und für reichlich emotionalen Nachhall sorgt.

Ausstattung:
Dafür sorgt nicht zuletzt die Übersetzung von Monika Angerhuber, die es gut versteht, die teils sehr bildhafte Sprache Ligottis ins Deutsche zu bringen. Die brachte ihr dann zu recht 2002 den „Deutschen Phantastik Preis“ ein, welchen sie leider nicht persönlich entgegennehmen konnte. Für den zweiten Band der von ihm betreuten Phantastischen Bibliothek mit Stilrichtung Edgar Allen Poe hat sich Markus K. Korb keine leichte Lektüre ausgesucht. Thomas Ligotti, der hierzulande eher bei unabhängigen Verlagen wie dem von Frank Festa, oder eben nun auch Blitz, anzutreffen ist, ist einer der viel versprechenden Talente der letzten Jahre – aber eben auch einer der literarisch anspruchsvollsten. Das, selbst unter Freunden des Genres, etwas abschreckende fehlende Massenkompatibilität ehrt diese Auswahl umso mehr. Die ohnehin schon kleine Leserschaft der Reihe (Blitz wird nicht mehr über den Buchhandel, sondern nur noch direkt vertrieben) wird dadurch schließlich weiter reduziert. Inhaltlich stellt sich die Frage, inwiefern Ligotti etwas mit Poe zu tun hat, welcher sein Grauen eher aus gotischen Elementen, als aus „profanem“ Alltag zog. Sehr positiv ist anzumerken, dass diese deutsche Erstveröffentlichung als erster Ligotti Band inhaltlich (Sammlung der einzelnen Kurzgeschichten) der Originalveröffentlichung entspricht. Kleiner Wermutstropfen ist hingegen die Titelfindung, denn es wurde die kurze Geschichte Das Alptraum Netzwerk statt der Novelle Meine Arbeit ist noch nicht erledigt als Namensgeber ausgewählt, was allerdings aufgrund von Verkaufzahlen geschehen sein dürfte – Meine Arbeit ist noch nicht erledigt klingt schließlich nicht gerade nach dem, was einen beim Lesen erwartet.

Fazit:
Anspruchsvolle, lohnenswerte Kost – in adäquater Deutscher Umsetzung !!!

© Heiko Henning
16.11.2004


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Letzte Aktualisierung: 03.07.2017, 12:13 Uhr
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